In Hohenlohe: Reubach – Wallhausen – Jagsttal – Crailsheim

Heute morgen verabschieden mich meine Vermieter mit den Worten: „Und nach Reubach werden Sie wohl nie wieder kommen!“ Zuerst widerspreche ich mit dem Spruch, „Man sieht sich immer zweimal im Leben“. Aber als ich später darüber nachdenke, gebe ich ihnen recht. Wenn ich mit hoher Wahrscheinlichkeit zum ersten und letzten Mal an diesen Orten auf dem E8 bin, dann möchte ich diese aber auch bewusst wahrnehmen in ihrer Vergänglichkeit und Einzigartigkeit.

Ich verlasse Reubach. Mir fällt auf, dass mich fast jeder im Dorf anspricht, nach meinem Weg fragt und Tipps gibt. Sie halten mich alle für einen Pilger auf dem Jakobsweg. Meine Vermieter hatten erzählt, dass dieses Jahr coronabedingt kaum Pilger unterwegs sind. Es scheint sich die Aufmerksamkeit auf die wenigen Pilger und Wanderer, die für Pilger gehalten werden, zu konzentrieren. Nach Reubach geht es schnell über die Felder und an Waldgebieten vorbei. Es hat immer wieder in der Nacht geregnet, aber jetzt ist das Wetter trocken und bewölkt.

Ich komme an großen Erdbeerfeldern vorbei. Es werden mit Hilfe von rumänischen Erntehelfern die Erdbeeren gepflückt. Es sind bestimmt 20 bis 25 Rumänen an der Arbeit. Sie haben Sonnenschirme und Wagen, so dass sie schneller arbeiten können. Ein Feld ist für Selbstpflücker. Hier lerne ich Elfriede und ihren Ehemann kennen. Elfriede hat die Aufsicht und ist nett zu mir. Sie schenkt mir ein Körbchen Erdbeeren, die ich alle gleich aufesse. Lecker, frisch vom Regen gewaschen, direkt vom Strauch gepflückt schmecken sie mir am besten. Klar, eine Portion Schlagsahne wäre noch besser, aber die gibt es am Feld nicht. Ich unterhalte mich ein bisschen mit Elfriede und ihrem Mann. Sie kommt aus Hohenlohe und hat schon als 14-Jährige bei der Erdbeerernte mitgeholfen. Inzwischen hat sie die Aufsicht und freut sich immer wieder die sieben Woche Erntezeit mitmachen zu dürfen.

Mich zieht es weiter. Nach den Erdbeerfeldern komme ich durch ein Waldstück, einer Mischung aus Fichtenwald und Birkenpionierwald. Dann wieder Strecke auf Landstraße, durch ein kleines Dorf durch und wieder Landstraße. Vor Wallhausen sehe ich eine Plantage mit roten Johannisbeersträuchern. Sowas habe ich bisher noch nicht gesehen. Die Johannisbeeren sind schon fast reif.

In Wallhausen gehe ich eine Gastwirtschaft. Das Hauptgericht und Getränk kosten nur 10 Euro. Ich staune. Bekomme ich jetzt schon Pilgerrabatt nach meinem Aussehen? Obwohl andere Preise auf der Karten stehen, bekomme ich einen Spezialpreis. Hohenlohe ist gut zu seinen Pilgern.

Ich verlasse Wallhausen und komme an Getreidefeldern vorbei. Die Klosterruine, Anhausen die mitten auf einem Feld steht, erregt meine Aufmerksamkeit. Bevor ich ankomme, fliegen zwei rote Milane von der Ruine weg. Dieser Monolith wirkt hier total fremd und wie ein antikes Kunstwerk. Quasi ein Klostertorso. Oder ein moderner Künstler hat hier ein Landschaftskunstwerk kreiert. Danach geht es in den Wald. Hier ist es sehr dicht, fast schon urwaldmässig. Später Landstraße und durch ein Dorf. Ein Dorf in dem es einen sehr schönen Garten gibt, der mich an das Hochbeet in Bad Kreuznach erinnert. Wenn das meine Tante hier sehen könnte!

Von dort aus geht es in das Tal der Jagst. Der Teil des Flusses steht hier unter Naturschutz. Der Fluß ist nicht besonders schnell, so daß sogar Seerosen darin wachsen können. Der Pfad flußaufwärts ist sehr schmal, aber auch schön: Moosbewachsene Steine und Bäume und immer wieder die Jagst, auf der Enten schwimmen oder Reiher stehen. Manchmal witscht eine Eidechse direkt vor mir in das Wasser. Die sind ganz schön groß hier. Ob das vielleicht schon die ersten Zwergkrokodile sind, die aufgrund der Klimaerwärmung es hier schön finden? Das Jagsttal ist eine echte Empfehlung für alle, die solche Naturgewässer lieben.

Es geht immer mal wieder aus dem Jagsttal raus. Mal an einem Steinbruch vorbei, mal durch ein Dorf. In dem Dorf Neidenfels begegnet mir ein altes Ehepaar, die ein paar Äpfel gepflückt haben. Beide sind sehr an mir und meiner Wanderung interessiert und dabei hellwach. Es stellt sich heraus, dass beide schon über 90 Jahre alt sind. Beim Spazierengehen halten sie Händchen. Ich muß an eine ehemalige Kollegin denken, die sich genauso eine loyale und liebevolle Partnerschaft für ihr Alter wünscht. Die alte Frau fragt mich, wie ich es schaffe, so lange auf meiner Wanderung alleine zu sein. Ich wundere mich auch ein bisschen über mich selbst, das ist auf der Wanderung bisher überhaupt kein Problem. Früher hätte mich das wahnsinnig gemacht und meine Erfahrungen mit Alleinsein, als ich z.B. mit 19 Jahren ein einsames Forsthaus 2 Wochen lang gehütet hatte, waren sehr schlecht gewesen. Vielleicht liegt es jetzt an meiner digitalen Erreichbarkeit, das es mir nichts ausmacht, alleine zu wandern. Ich fühle mich nicht alleine. Jederzeit könnte ich jemanden anrufen oder ich werde angerufen.

Spät am Abend erreiche ich Crailsheim.

Vom Taubertal nach Hohenlohe: Oberhöchstädt – Rothenburg ob der Tauber – Bettenfeld – Hausen – Reubach

Heute morgen bringt mich mein ehemaliger Schwager zum Bahnhof nach Neustadt an der Aisch. Von dort aus fahre ich mit der Westfrankenbahn nach Rothenburg ob der Tauber, um wieder auf den E8 zu gelangen. Nach drei Tagen warmer familiärer Umgebung, muss ich mich erst an das kühle und bewölkte Klima gewöhnen. 

In Rothenburg sind heute nicht so viele Touristen wie bei meinem letzten Besuch. Einige Teile der mittelalterlichen Stadt sind sogar touristenfrei. Viele Läden und Cafés im Zentrum der Altstadt öffnen erst ab 10 Uhr oder sogar noch später. Die Cafehausdichte um dem Marktplatz herum finde ich beeindruckend. Fast jedes Haus ist ein Café oder Restaurant.  Die Altstadt ist wirklich sehenswert. Es gibt sogar ein mittelalterliches Kriminalmuseum. 

Ich verlasse die Stadt ganz angemessen durch eines seiner alten Tore und überquere eine Landstraße, um dann sofort in das Tal der Schandtauber hinunterzusteigen. Schon nach 300 oder 400 Metern höre ich die Stadt und die Straße nicht mehr. Die Schandtauber ist ein idyllischer Bach, der in die Tauber mündet. Es hat inzwischen leicht das Regnen angefangen. Das Grün leuchtet dunkel und frisch zugleich. Ich folge dem Bachlauf aufwärts. Immer wieder erläutern Schilder, welche baulichen Maßnahmen früher unternommen wurden, um dem Bach passierbar bzw. bewirtschaftbar zu machen. Nach neun solcher Stationen geht es aus dem Bachtal hinauf auf den Bergrücken entlang von Mais- und Weizenfeldern. Das feuchte Wetter der letzten Tage hat dem Mais gut getan. Er steht inzwischen mannshoch und leuchtet hellgrün frisch.

Ich fühle mich ausgeruht und frisch und wandere schneller als sonst. So schnell, dass ich sogar eine holländische Familie überhole. Ansonsten begegne ich keiner Menschenseele. Es geht wieder in das Bachtal runter und ich komme an zwei Mühlen vorbei. Kein Netzempfang. Ansonsten muss es sehr schön sein hier zu wohnen. Ich werde an meinem Professor in den Vogesen erinnert, der auch in einem alten Haus mit großem Garten mitten im Wald lebt. 

Ich verlasse das Tal der Schandtauber und komme nach Bettenfeld gerade rechtzeitig zur Mittagszeit. In Bettenfeld gibt es ein Gasthaus mit eigener Schlachtung. Es sind überraschend viele Gäste da. Ich bekomme trotzdem noch einen Tisch. Die Essensportion ist riesig und schmeckt richtig gut. Kein Wunder, dass dort so viele Gäste einkehren. Viele sind offenbar regelmässig ein oder zweimal in der Woche zu Gast. Die Preise sind sehr moderat.

Nach dem Mittagessen geht es auf der Landstraße weiter. Die E8 Markierungen hören nach Bettenfeld leider auf und ich richte mich nach dem Jakobswegzeichen. Das Gehen auf der Landstraße macht mich mürbe und müde. Ich komme an einem großen Steinbruch vorbei. Es regnet inzwischen stärker und ich ziehe meine Regenkleidung über. Es wird merklich kühler. Ich merke, dass ich nicht mehr so rund laufe. Vielleicht bin ich den heutigen Tag doch zu flott angegangen. Ich beschließe die nächste Möglichkeit einer Herberge zu nutzen. Ein paar Telefonate und Empfehlungen später, habe ich eine Unterkunft. Allerdings war der Empfang schlecht und ich werde mir immer unsicherer, wie die Adresse wirklich gelautet hat. 

Ich biege nach M… rechts von der Landstraße ab auf einen Feldweg und komme wieder durch Wald. Ein junger Wald mit vielen Birken. Es ist richtig dunkel geworden, obwohl es noch Nachmittag ist. Im Wald ist alles dunkel. Das Laub leuchtet schwarzgrün und glänzend. Es riecht gut nach Erde. Keine Insekten fliegen. Ich kann wieder Wild beobachten, dass ohne Scheu mich in nächster Nähe passiert. Eine Ricke mit ihrem Kitz. Zwei Feldhasen. Ein Paar von Buntspechten. Es wirkt alles ein bisschen unwirklich und irreal. 

Mir fällt wieder der Begriff Bilderbuchlandschaft ein und ich überlege mir, ob es zu der Bilderbuchlandschaft auch Bilderbuchmenschen gibt. Frei nach dem Motto, dass die Landschaft auch den Charakter oder die Persönlichkeit der dort lebenden Menschen beeinflußt und formt. 

Meine Beine werden immer müder und fangen an zu schmerzen. Ich hoffe, dass im nächsten Ort die telefonisch reservierte Ferienwohnung von Frau Schmidt ist. Bei dem Namen des Ortes bin ich mir inzwischen total unsicher, wie er wirklich heißt. Die Vorwahl der Telefonnummer ist keine echte Hilfe, da diese für alle Ortschaften in Hohenlohe anscheinend dieselbe ist. 

Ich komme nach Hausen und versuche mich an die Wegbeschreibung zu erinnern. Die Hauptstraße Nummer 21… Ich komme an der zentralen Bushaltestelle vorbei und bleibe stehen, um weitere Indizien zu finden, wo vielleicht die Hauptstraße sein könnte. Irgendwie muss ich dabei ein sehr hilfebedürftiges Gesicht machen. 

Denn auf einmal hält ein kleiner Bus neben mir. Der Busfahrer grüßt mich und fragt, ob er mir helfen kann. Ich erläutere ihm meine Situation und meine Suche. Er bietet spontan seine Hilfe an und zeigt auf das Haus, vor dem wir stehen. „Hier wohnt der ehemalige Postbote von Hausen, der kennt jeden!“. Er steigt aus dem Bus und klingelt. Der ehemalige Postbote öffnet die Türe und nennt uns tatsächlich die Adresse einer Frau Schmidt, die eventuell Ferienwohnungen vermietet. Sonst würde es auch keine weiteren Schmidts in Hausen geben. 

Der Busfahrer bietet mir sogar an, mich hinzufahren. Supi! Leider stellt es sich heraus, dass diese Familie Schmidt nicht die richtige ist. Auch gibt es noch weitere Schmidts in Hausen, die leider auch nicht die richtigen sind. Einmal finde ich nicht die Türklingel und – optimistisch wie ich nun mal bin – rufe an mit den Worten, dass ich jetzt vor der Türe stehen würde. Leider ist es das falsche Haus und wieder die falsche Familie Schmidt. 

Aber ich verstehe diesmal den Namen des Ortsteiles – oder besser gesagt des Dorfes – besser. Ich bin im falschen Dorf! Mein Busfahrer hat inzwischen jemanden auf der Straße angehalten und die Fahrerin gefragt, wie weit es dahin noch zu Fuß sei. Über eine Stunde! Ah! Es regnet und es ist kalt und ich habe heute keine große Lust mehr weit zu laufen. 

Der Busfahrer erlöst mich von der Frage, wielange ich heute noch durch den Regen laufen muss. Er fährt mich einfach die ganze Strecke hin. Auf der Fahrt erzählt er mir, dass er seit 30 Jahren die Kindergarten- und Schulkinder der Ortschaften hier einsammelt und zur Schule bzw. Kindergarten fährt. Er kennt sie alle. Er sammelt sogar die Monatsausweise mit Bild der Kinder. Wenn sie dann erwachsen sind und heiraten, schenkt er ihnen die gesammelten Ausweise. Die Beschenkten sind dann immer sehr gerührt. Es ist dann ja wie ein 10 bis 15-jähriges Daumenkino mit den eigenen Passfotos. Im Handumdrehen sind wir in Reubach und diesmal bei der richtigen Familie Schmidt. Ich bedanke mich herzlich bei dem Busfahrer und wir verabschieden uns voneinander mit Handschlag.

Menschenfreundlicher Busfahrer in Hohenlohe

Frau Schmidt hat schon auf mich gewartet und kommt sofort aus dem Haus um mir die Ferienwohnung zu zeigen. Diese ist sehr groß. Frau Schmidt kocht mir erst einmal einen heißen Kaffee und erzählt mir dann, dass die Wohnung früher der Edekaladen des Ortes gewesen sei, den sie und ihr Mann geführt hatten. Sie freut sich über jeden Wanderer, den sie hier aufnehmen dürfen und bedauert, dass sie für mich keinen Kuchen gebacken hat. Ich freue mich auch, dass ich so eine tolle Unterkunft habe. Waren am Anfang meiner Wanderung die Gasthöfe oft wegen Corona geschlossen, ist es jetzt anders. Jetzt sind viele Gasthöfe und Ferienwohnungen belegt wegen den Sommerferien und es nicht leicht für mich, etwas zu finden. 

Heute mache ich die Erfahrung, dass einem Wanderer in Hohenlohe geholfen wird. Diese Bilderbuchlandschaft hat auch Bilderbuchmenschen.

Im Aischgrund: Marktbergel – Burgbernheim – Bad Windsheim

Heute morgen fühle ich mich schlapp, obwohl ich lange geschlafen habe. Ich ändere meinen ursprünglichen Plan und gehe nicht zurück auf die Frankenhöhe, sondern bleibe im Aischgrund. Ich wandere entlang der Landstraße zum nahegelegenen Burgbernheim. Hier suche ich mir ein Zimmer und lasse dort meinen Rucksack zurück. Das nächste Ziel ist Bad Windsheim. Dort angekommen schaue ich mir den Kurpark und die Altstadt an. Bad Windsheim war bestimmt früher eine bedeutende Stadt in der Region gewesen. Die alten, gut restaurierten Gebäude zeugen noch davon. Inzwischen ist die Stadt vor allen Dingen für ihren international bekannten Knabenchor bekannt und als Ausflugsziel für Großstädtern aus dem Raum Nürnberg – Fürth. Ich treffe heute auf viele Sonntagsausflügler. An ihren fränkischen Dialekt erkenne ich die Herkunft. Die Tristesse der fränkischen Provinz umfängt mich. Ich fühle mich weiter müde und schlapp. Schließlich kaufe ich mir eine Zeitung und setze mich in den Kurpark und lese.

Am Abend bin ich wieder im Gasthof in Burgbernheim. Der Blick aus meinem Fenster verstärkt bei mir den Eindruck der Provinzialität: ein Schwarm Tauben hat es sich auf dem Nachbardach gemütlich gemacht und im Hinterhof stehen drei Autowracks.

Das Abendessen im Gasthof ist bodenständig gut, reichlich bemessen und hat sogar den gewissen Pfiff. Am Nachbartisch ist der versammelte Stammtisch, die das letzte Relegationsspiel des Nürnberger Fußballklubs bei einem Glas Bier lautstark diskutieren.

So ist es auf dem Land in Franken halt.

Morgen werde ich nach Oberhöchstadt reisen und mich mit meinem jüngsten Sohn treffen. Dann bin ich hoffentlich wieder fitter.

Auf der Frankenhöhe: Wachsenberg – Windelsbach – Hornau – Marktbergel

Heute Nacht hat es stark geregnet. Als ich loslaufe ist es bewölkt, frisch und die Luft ist klar. Nach gestern eine echte Wohltat. Zuerst geht es parallel zur A7. Ich kann die Autobahn nicht sehen, aber das Hintergrundgeräusch begleitet mich eine Zeitlang.

Ich bewege mich auf einem breiten Berg: der Frankenhöhe. Es geht schnurgerade durch den Wald und ich kann den Weg relativ weit voraussehen. Es kommen immer wieder Radfahrer vorbei.

Weg auf der Frankenhöhe

Aber auf einmal sehe ich am Ende des erkennbaren Weges eine Gestalt auf mich zukommen. Zuerst noch klein und dann immer größer werdend. Schon bald kann ich die Gestalt erkennen: ein Weitwanderer kommt mir entgegen. Leicht zu erkennen an einem großen Rucksack, der Isomatte und einer Art Laken oder Handtuch, das zum Trocknen am Rucksack gebunden ist. Er ist der erste einzelne Weitwanderer, der mir auf meiner Tour begegnet. Ich begrüße ihn und wir tauschen uns kurz über Ziel und mögliche Unterkünfte aus. Er kommt ursprünglich aus Berlin und hat einen Familienurlaub in Franken genutzt, um von dort aus wandern zu gehen. Sicher ist er sich über sein Wanderziel noch nicht. Er verabschiedet sich auch relativ schnell wieder von mir. Er möchte gerne alleine sein und weiterwandern.

Als ich den Ort Windelsbach erreiche, kann ich die Autobahn nicht mehr hören. In Windelsbach gibt es ein erstaunlich großes Schloß für die kleine Größe des Dorfes. Mein verstorbener Schwiegervater hat immer gesagt: „Wo es große Schlösser gibt, gibt es nur arme Bauern.“ Hier scheint das nicht zu stimmen. Die anderen Häuser im Dorf sind auch sehr groß und sehen sehr gut aus. Immer wieder komme ich an kleinen Teichen und Seen vorbei. Beim Verlassen von Windelsbach komme ich an einem größeren See vorbei.

Schloß Windelsbach

Von oben auf der Frankenhöhe habe ich einen sehr weiten Panoramablick, der leider immer wieder von einzelnen Bäume gestört wird (siehe Beitragsbild).

Nach der Frankenhöhe geht es steil runter ins Tal der Aisch nach Marktbergel, wo ich Unterkunft finde. Auf dem Weg runter finde ich kurioserweise frische Hähnchenschenkel. Wer die da bloß hingelegt hat? Und wozu?

Hähnchenschenkel am Roten-Flieger-Weg

Vom Taubertal ins Frankenland: Schonach – Rothenburg ob der Tauber – Wachsenberg

Als ich Schonach verlasse und die Straße vor mir sehe, muss ich – wie fast jeden Morgen – an das Lied „That Lonesome Road“ von James Taylor denken. Dann summe ich oder singe es teilweise so 500 bis 600 Meter weit.

Heute vormittag laufe ich an der Wetterscheide entlang in Richtung Südosten. Links von mir kann ich eine geschlossene Wolkendecke sehen, rechts von mir ist es sonnig und leicht bewölkt. Es geht wieder durch kleine landwirtschaftlich geprägte Ortschaften, Felder, Streuobstwiesen und kleinere Waldstücke. Inzwischen ist es leicht hügelig geworden, kein Vergleich mit den Höhenunterschieden wie im Spessart oder Odenwald, es wird immer flacher. Nur wenn ich in das Taubertal absteigen und danach wieder aufsteigen muss, habe ich eine nennenswerte Steigung. Ich komme gut voran. Mittags mache ich Rast an einer Bank mit schöner Aussicht ins Taubertal. Ich bin auf der sonnigen Seite, aber heute weht ein sehr kräftiger, ja fast stürmischer Wind, so macht mir die Hitze nichts aus.

Blick ins Taubertal

Ich nähere mich Rothenburg ob der Tauber. Zuerst durch ein neues Wohngebiet, dann stehe ich vor der alten Stadtmauer. An dieser Stelle wurde eine Kirche als Teil der Stadtmauer gebaut. Ich gehe durch den Torbogen in die Stadt. Rothenburg ist eine sehr gut erhaltene mittelalterliche Stadt und dafür weltweit sehr bekannt.

Kirche als Teil der Stadtbestigungsanlage

Ich begegne vielen Touristen und sehe zum ersten Mal seit Corona wieder asiatische Besucher, wie z.B. Indern. Kurz überlege ich, ob das schon Touristen aus den Herkunftsländern sind oder ob es sich um welche handelt, die in Europa leben und arbeiten. Wahrscheinlich eher letztere.

Ich merke, dass ich so viele Touristen nicht mehr gewöhnt bin. Vor 40 Jahren hatte ich mal per Zufall Rothenburg besucht. Das war damals alles noch sehr beschaulich gewesen und wir waren fast alleine als Fremde in der Stadt. Inzwischen ist die Stadt eine einzige große Touristenfalle geworden. Dort sind die Gläser in den Gastwirtschaften kleiner als sonst in Franken üblich, dafür dann aber doppelt so teuer. Das Stück Torte, das ich mir kaufe, ist von der Größe her eher ein Probierstück. Es schmeckt gut, aber in Bad Kreuznach schmeckt die Torte auch sehr gut, dafür sind die Stücke aber doppelt so groß.

In einem schönen Café am Marktplatz lerne ich eine sehr sympathische holländische Familie aus Delft kennen. Sie machen eine Woche Urlaub in Deutschland. Drei Tage in Rotenburg und Umgebung, um die Romantik zu finden, und drei Tage im Schwarzwald, um wahrscheinlich die Ruhe zu bekommen. Die holländische Familie ist voller angefachter Konsumfreude, wie unsere heimische Wirtschaft bestimmt schon festgestellt hat. Heute sind sie u.a. einem begabten Trachtenverkäufer in die Hände gefallen. Zuerst hat er die 18 Monate alte Tochter eingekleidet. Sie sieht wirklich supersüß damit aus! Als nächstes war dann die Mutter dran. Auch sie ist im Dirndl ein echter Hingucker! Last man Standing war der Vater, der sich schließlich auch seinem Schicksal ergab. Eine Lederhose aus feinstem und weichem Ziegenleder und ein weißblaues Hemd sind das Ergebnis. Ob er damit auch so fantastisch aussieht wie seine weiblichen Familienmitglieder, kann ich leider nicht feststellen. Er hat beide Kleidungsstücke nicht angezogen und diese in einer Einkaufstüte dabei, die er mir dann auch zeigt.

In einem Café in Rothenburg

Ich fliehe aus Rothenburg durch das Galgentor. Hier verlasse ich den E8 für ein paar Tage und wechsele auf den Roten-Flieger-Weg. Dieser Weg wird mich nach Neustadt an der Aisch führen. In einem kleinen Dorf in diesem Landkreis werde ich am Montag meinen jüngsten Sohn treffen und ein oder zwei Tage mit ihm verbringen. Mein Sohn hilft seinem Onkel in der Landwirtschaft für eine Woche.

Nach dem Galgentor beginnt wieder die neuere Stadt. Ich folge der Straße geradeaus. Die Häuser entlang der Straße werden schnell einfacher und kleiner. Bald bin ich auf einem Weg, der durch Felder führt bis zur Autobahn A7. Dabei komme ich an der europäischen Wasserscheide vorbei.

Europäische Wasserscheide

Nach einer Unterführung gelange ich zum Ort Neusitz. In einer Gastwirtschaft bekomme ich etwas zu Essen und kann dabei mithören, wie der Wirt mit einem jungen Mann bespricht, wie seine Zimmer neu eingerichtet werden sollen. Endlich mal ein Gastronom der den gesenkten Mehrwertsteuersatz zur Ankurbelung der heimischen Wirtschaft zu nutzen weiß.

Von Neusitz aus geht es noch einmal die Anhöhe hoch nach Wachsenberg. Dort finde ich Quartier für die Nacht. Entfernt kann ich die A7 hören. Ansonsten ist der kleine Ort sehr idyllisch gelegen mitten im Wald. Ich bin der einzige Gast.

Im Taubertal: Creglingen – Schonach

Heute Nacht um 2:40 Uhr werde ich von einer blutsaugenden Mücke geweckt.

Heute Morgen um 5:45 Uhr gelingt es mir – nach vielen vergeblichen Versuchen – diese blutsaugende Mücke mit einem nassen weißen Handtuch zu erschlagen.

Ich bin sehr müde und schlafe nach dieser Heldentat ein.

Heute Morgen um 5:50 Uhr werde ich von drei eifrigen Radlern geweckt, die es so eilig haben auf die Piste zu kommen, daß sie sogar auf Frühstück verzichten.

Ich bin sehr müde und schlafe nach dem Weggang der drei Radler ein.

Heute Morgen um 6:00 Uhr werde ich von den Kirchenglocken geweckt. Wieso so früh? Warum jeder Glockenschlag doppelt? Warum so laut?

Ich bin sehr müde und schlafe glücklich um 6:05 Uhr ein.

Wach werde ich erst wieder um 9 Uhr, ein bisschen später als ich beabsichtigt habe. Beim Frühstück bin ich der vorletzte Gast heute. Der letzte Gast ist ein Jäger, mit dem ich ins Gespräch komme. Er rät mir bei den streunenden Hunden in Rumänien zu Pfefferspray und Haselnussstecken mit Klinge an einem Ende. Bei Wildschweinen soll ich ruhig stehen bleiben und laut mit ihnen reden. Wildschweine seien so intelligent, dass sie einen menschlichen Spaziergänger von einem menschlichen Jäger unterscheiden können. Letztere tragen in so einem Begegnungsfall am liebsten Carbongeschützte Beinkleider, da die Wildschweine mit ihren Hauer tiefe Schnittwunden verüben können.

Gestärkt mit diesem Wissen starte ich in den neuen Wandertag. Kurz nach Creglingen mache ich einen Abstecher in das Fingerhutmuseum, das in einem Keller liegt. Das Museum ist vielleicht doppelt so groß wie mein Zimmer in Bad Kreuznach. Größer muss es aber auch gar nicht sein. Die ausgestellten Fingerhüte aus vielen verschiedenen Ländern und Epochen sind sehr klein und allerliebst. Es gab eine Zeit, da wurden 80% der Rohfingerhüte hier in der Gegend hergestellt und dann weltweit exportiert, wo die Fingerhüte regional noch veredelt wurden. Man kann auch heute noch sehr besondere Fingerhüte in diesem Museum erwerben, das zur Fabrik gehört. Es ist anscheinend auch gar nicht so einfach einen passenden Fingerhut zu finden.

Im Fingerhutmuseum

Danach besuche ich die Herrgottskirche. Hier ist ein Tilmann-Riemenschneider-Altar die Attraktion. Er ist vollkommen aus Birnenholz geschnitten und alles wirkt sehr plastisch und lebendig. Mich beeindruckt auch, dass es sich der Künstler verkniffen hat, die Figuren – wie die Maria oder den Jesus – anzumalen. So spricht das Material für sich. Das finde ich wunderschön in seiner Reduktion rein auf die Formen und den Aufbau.

Tillman-Riemenschneider-Altar

Danach geht es den Mühlbach entlang weiter. Ich befinde mich wieder im idyllischen Bilderbuchdeutschland. Nach einiger Zeit komme ich durch den Ort Münster. Es ist inzwischen warm geworden. Ich werde auf die Münsterseen aufmerksam gemacht. Da kann ich nicht widerstehen. Wieder mache ich einen Abstecher und gehe zum Badesee. Es ist schon wieder alles tiptop! Es gibt sogar verschiedene Einstiegsleitern, Umkleidekabinen, terrassierte beschattete Liegenflächen, eine Absperrung für Nichtschwimmer, usw. Es liegt kein Abfall rum und die Krönung ist, es gibt sogar direkt neben dem See eine Kneippanlage. Schwäbisch Perfektion der Umgestaltung eines Naturwassers zu einem Badesee.

Einstieg in den Badesee auf schwäbisch

Ich steige über eine der Leiter in den See. Herrlich kalt! Ich schwimme 10 Minuten lang und drehe mich auf den Rücken und lasse mich dann einfach treiben. Mein Körperfett trägt mich auf dem Wasser ohne dass ich mich bewegen muss. Die warme Sonne scheint mir auf den Bauch, das Wasser kühlt den Rücken, ich schließe die Augen. Das ist pure Entspannung!

Nach der Badepause nehme ich den „Barfußpfad“ direkt durch den Wald und gelange wieder auf den E8. Es geht wieder durch Wald, Felder und kleinere Ortschaften. In einem Waldstück habe ich Glück und entdecke eine Spinne mit ihrem Nest und vielen kleinen geschlüpften Babyspinnen! Ich bin fasziniert, dass so ein Schatz der Natur einfach am Wegesrand steht.

Inzwischen ist es heiß geworden. Ich merke, dass ich letzte Nacht nicht viel geschlafen habe und mein rechter Fuß schmerzt. Ich beschließe heute nicht so weit zu wandern, Rothenburg ob der Tauber kann ich mir auch morgen noch angucken. In Finsterlohr frage ich vergeblich nach einer Unterkunft. Aber schon einen Ort weiter in Schonach finde ich eine Herberge mit einem tollen Biergarten.

Selbstbedienung-Biergarten in Schonach in Coronazeiten

Im Taubertal: Bad Mergentheim – Weikersheim – Creglingen

Ich verlasse heute morgen Bad Mergentheim an der Tauber entlang und dann durch den Kurpark nach Igersheim. Dabei komme ich an einem Parkplatz für Wohnmobile vorbei. Es ist wieder alles tiptop eingerichtet. Kein Wunder, dass die Kurtaxe pro Tag in Bad Mergentheim mehr als 5 Euro gekostet hat. Der Wanderweg führt zwischen Tauber und Bahngleisen lang, Hier fährt die Westfrankenbahn, die ich schon in Kleinheubach gesehen habe.

In Igersheim geht es von der Tauber weg und wieder auf den Höhenwanderweg. Achtung! Die Karten und Wegweiser sind an der Stelle veraltet, an der man eine Landstraße überqueren muss. Nur eine Querstraße weiter führt eine kleine Fußgängerbrücke über die Straße. Ein aufmerksamer Bürger hilft sie mir zu finden.

Von dort ab geht es weiter durch den Ort nach oben. Heute vormittag ist perfektes Wanderwetter: bewölkt und nicht zu warm. Es ist wieder die idyllische Abwechslung zwischen Wald und Feldern und dem auf und ab.

Einmal werde ich von einem rüstigen Wandererpaar überholt. Zuerst höre ich eine Maschinenstimme. Ich drehe mich um und sehe ein älteres Paar. Er trägt Sandalen und einen leichten Rucksack. Beide tragen dunkle und funktionale Wanderkleidung. Sie werden auf meinen Rucksack aufmerksam und sprechen mich an. Auf die Frage nach dem Wohin antworte ich heute „Schwarzes Meer“. Manchmal antworte ich „nach Osten“ oder „nach Wien“. Die Antwort mit dem Meer erzeugt immer die meisten Nachfragen. Die Frau fragt sofort nach. Nach drei, vier Fragen aber ziehen die beiden leichtfüssig weiter.

Der nächste Ort ist Weikersheim. Von der Höhe aus hat man einen tollen Blick auf die Stadt und das Tal. Die Stadt hat einen gut erhaltenen alten Kern. Inzwischen ist die Stadt aber stark gewachsen und ich kann gut große Gewerbegebiete sehen und Neubaugebiete für Wohnungen.

Weikersheim von der Anhöhe aus gesehen

Zu Weikersheim gehört ein großes und gut erhaltenes Schloß mit Park. Im Vergleich zum historischen Teil der Stadt, wirkt das Schloß überproportional groß gemessen an Raum, Höhe, Material und Ausstattung. Der Fürst hat damals anscheinend feudal und repräsentativ gelebt. Vor dem Schloßeingang ist der Marktplatz, um dem sich Restaurants, Hotels und Cafés reihen.

Hier esse ich zu Mittag, das schlechteste bisher auf meiner Reise. Dort treffe ich auch das Paar wieder, das ein Glas Wein trinkt. Als ich mit dem Essen fertig bin (es ging relativ schnell wegen der Qualität), spricht mich die Frau an. Sie hatte sich vorhin geärgert, dass sie so schnell weitergegangen seien, weil sie hätte noch so viele Fragen gehabt. Ich lade sie und ihren Mann ein, Platz zu nehmen. Ich bin neugierig geworden, was ihr Anlass für die zweite Befragung ist. Sie fragt viele technische Dinge, nach Ausführung und Dauer meiner Wanderung und andrer längerer Wandertouren, die ich schon unternommen hatte. Irgendwann meine ich zu verstehen, dass sie sich selber wünscht, so eine Reise zu unternehmen. Ich spreche die beiden darauf an. Ihre Reaktion finde ich spannend. Er fängt sofort an, einen Vortrag zu halten, wie schwierig es sei, die allgemeinen gesellschaftlichen Konventionen und Erwartungen zu verlassen um das individuelle und singuläre zu tun. Sie macht auf mich einen schon fast erschrockenen Eindruck bei dem Gedanken, so eine Wanderung selbst zu unternehmen.

Ich wechsle das Thema und frage nach der Maschinenstimme und den Sandalen. Er zeigt mir bereitwillig eine App, mit der die beiden den HW3 wandern, rein nach Stimme und so auch noch Strom sparen. Der Mann ist so gut zu Fuß, dass er gut mit Sandalen zurecht kommt. Er verweist mich auch auf die Sherpas im Himalaya, die mit noch viel schlechterem Schuhwerk unterwegs sind.

Wir sind uns einig, dass kaum noch jemand hier wandert und es inzwischen viel mehr Radfahrer gibt. Ich mache sie darauf aufmerksam, dass sie ja damit schon den breiten Pfad der Allgemeinheit verlassen haben und bestimmt auch den nächsten Schritt einer Fernwanderung wagen können. Die Frau wirkt nachdenklich auf mich als wir uns voneinander verabschieden.

Ich schaue mir das Schloß an und ziehe dann weiter. Inzwischen hat es das Regnen angefangen. Außerhalb der Stadt ist es wieder sehr ruhig. Ich komme an einem Jagdpark mit Schloß vorbei, den sich die Fürstenfamilie 200 Jahre lang gegönnt hat. Ich denke an die Steuern und Abgaben, die die Weikersheimer dafür leisten mussten.

Ich wandere durch Felder und dabei fallen mir sehr breite Blühstreifen auf. Nein, nicht nur Streifen, das sind schon richtige Blühfelder von blauen Blumen, quasi eine riesige Nektartankstelle für Insekten. Und wie an einer Tankstelle in Luxemburg ist auch voll Betrieb und das ganze Feld summt und brummt.

Blühfeld im Taubertal

Es wird allmählich Abend und im nächsten Ort suche ich nach einer Unterkunft. Ein Waldschwimmbad ist vorhanden, das mich optimistisch stimmt hier fündig zu werden. Beim ersten Ferienbauernhof werde ich zum nächsten geschickt. Beim zweiten stürmt als erstes ein großer, schwarzer Hund auf mich zu. Ich kriege erst einmal einen Schrecken. Aber der Hund ist freundlich, genauso wie die Familie, die hinter ihm herkommt. Aber leider ist auch hier alles ausgebucht. Die Chefin Frau Andrea Seeber macht mir spontan das großzügige Angebot, falls ich nichts finden sollte und auch der Bus nicht mehr kommt, mich in das nahegelegene Creglingen zu fahren. Einen Ferienhof später, der auch ausgebucht ist, und eine Erkenntnis weiser, dass die Busse hier nur auf vorheriger telefonischer Anmeldung kommen, nehme ich ihr Angebot an. Dabei gucken mich ihre jugendlichen Kinder so interessiert an, dass ich vermute, dass mein Aussehen inzwischen schon richtig seltsam sein muss.

Frau Seeber und ich unterhalten uns auf der Fahrt gut und sie wünscht mir viel Glück auf der weiteren Reise. Sie kennt sogar Bad Kreuznach, da dort eine Polsterin arbeitet wie sie es auch tut.

Creglingen ist nicht sehr groß. Ich finde eine Liste der Unterkunftsmöglichkeiten. Ich habe Glück und bekomme das letzte Zimmer im Gasthof. Die Wirtin erzählt mir, dass sie eigentlich schon das „Belegt“-Zeichen raushängen wollte, aber geschwind noch was tun wollte. Zehn Minuten später und ich wäre umsonst gekommen.

Später im Zimmre stelle ich fest, dass ich mir nach 21 Tagen tatsächlich zum ersten Mal eine Blase gelaufen habe.

Im Taubertal: Lauda – Beckstein – Bad Mergentheim

Am Morgen gehe ich von Lauda wieder auf den E8. Ich komme dabei an dem Freibad der Stadt vorbei, das coronabedingt geschlossen ist. In Hessen sind die Freibäder geöffnet und gut besucht. In Baden-Württemberg anscheinend nicht. Schade, ich wäre gerne schwimmen gegangen und das Freibad sieht sehr einladend aus.

Nach dem Freibad geht es steil nach oben. Aus dem Tal auf die Höhe und danach wieder ins Tal. Die Berge sind hier flacher und es gibt keine große zusammenhängenden Waldgebiete wie im Odenwald oder Spessart. Es wechseln sich Äcker, Wiesen, kleine Waldgebiete, Weingärten und Dörfer ab. Hier verläuft der E8 mit der Romantischen Straße parallel. Es ist wirklich idyllisch hier, eine echt abwechslungsreiche Bilderbuchlandschaft.

Der nächste Ort ist Beckstein. Hier begegne ich der Perfektion! Die schwäbische Manifestation der perfekten Wegbeschilderung (siehe Beitragsbild). Verschieden skalierte Überblickskarten, alle Wegmöglichkeiten werden aufgezeigt, Sitzgelegenheiten mit rundem Tischen der Mitte und eine Rastmöglichkeit, die im Schatten liegt. Alles picobello und tiptop. Diese Wegbeschilderung mitten im Ort bekommt von mir den ersten Preis.

Im selben Ort lerne ich noch einen netten Mann kennen, der gerade seinen Kirschbaum leer pflückt und danach gleich schneidet. Auch der Kirschbaum ist tiptop und die angebotenen Kirschen erinnern mich an Ermschwerd: schwarze, große, süße, reife, direkt vom Baum gepflückte Herzkirschen wie auf der Kirschplantage meiner Großeltern.. Sie schmecken wunderbar. Der Mann fühlt sich aufgrund seines fortgeschrittenen Alters nicht mehr ganz so tiptop. Deswegen wird der Baum in der Höhe beschnitten, so daß er immer noch gut die Früchte holen kann.

Bürger von Beckstein mit seinem Kirschbaum

Weiter geht es durch das idyllische Tal. Kein Wunder das bei einer solchen Landschaft, Hermann Hesse solche Bücher und Gedichte geschrieben hat, wie z.B. Knulp, „Seltsam im Nebel zu wandern“ oder „Aus zwei Tälern“.

Hier wird auch Wein angebaut. Die Tauberschwarze. Es geht an einem Weingut vorbei zum Ort Sachsenflur. Dann geht es wieder hoch. Ein langer 12% steiler Anstieg. Es ist Nachmittag und die Sonne scheint. Heute geht ein frischer Wind. Oben stelle ich mich in den Wind mit geöffneten Armen und freue mich.

12 % Steigung im Taubertal

Dann geht es weiter durch den Wald bis nach Bad Mergentheim. Ich habe ein günstiges Zimmer gefunden. Als ich durch die Stadt gehe, sehe ich viele schöne und interessante Gebäude, wie z.B. ein Schloß des Deutschritterordens. Ich beschließe morgen einen Pausentag einzulegen und mir Bad Mergentheim genauer anzugucken.

Das Zimmer ist überraschend groß und hat sogar einen Balkon, W-LAN und TV. Das Bad und WC sind auf der Etage. Es gibt eine Badewanne. Ich nehme ein heißes Bad. Seitdem ich aus Frankfurt weggezogen bin, hatte ich kein Wannenbad mehr. Seit meinem letzten Saunabesuch habe ich mich nicht mehr so sauber gefühlt. So fühlt sich für mich heute Luxus an.

Im Taubertal: Gamburg – Tauberbischofsheim – Lauda

Heute mittag bin ich mit einem ehemaligen Kollegen und seiner Frau in Tauberbischofsheim zum Mittagessen mit anschließendem Wandern verabredet.

Der Himmel ist bewölkt und eine frische Brise weht. Ich durchquere das schöne Gamburg und verlasse es an der Stelle von Burg Gamburg, einer sehr gut restaurierten Anlage in Privatbesitz. Gamburg gefällt mir gut und ich beschließe irgendwann mal dort zu zweit ein Wochenende zu verbringen.

Burg Gamburg

Zuerst geht es aus dem Taubertal raus auf die Höhe. Oben angelangt bin ich zum ersten Mal durchgeschwitzt. Die umliegenden Berge sind flacher als der Spessart oder Odenwald und nicht so dicht bewaldet. So wechseln sich Streuobstwiesen, Felder und Wald ab. Mir gefallen die Blühstreifen, die neben den Feldern von den Landwirten angelegt worden sind. Zur Zeit blühen diese und es summt und brummt darin gewaltig.

Heute habe ich eine Termin. Zuerst bin ich versucht, schneller zu wandern, um ja den Termin zu halten. Ich besinne mich. Und wenn ich nicht so schnell bin, dann wird mich mein Kollege halt vor Tauberbischofsheim an einer geeigneten Stelle mit dem Auto abholen. Ich gehe ruhig weiter und achte auf meine Umgebung. Heute sind mehr Leute auf den Wanderwegen, wahrscheinlich weil Sonntag ist.

In Tauberbischofsheim findet mich mein Kollege dank der modernen Kommunikation- und Navigationswerkzeuge so gut wie ohne Verzug. Wir freuen uns, uns wiederzusehen. Mein Kollege hat mehrere Jahre bei mir ein- zweimal im Monat übernachtet, um Wegzeit zu sparen. Das hat zu einer beständigen Freundschaft geführt und wir verstehen uns gut.

Als erstes gehen wir in einem Gasthof essen. Ich werde eingeladen. Ein herzliches Dankeschön dafür! Am Schluß schafft es sogar mein Kollege den Abschlußkaffee for free zu verhandeln, da wir lange warten mussten. Das Warten war mir aber gar nicht so unrecht, weil wir schön Zeit zum Austausch hatten.

Danach gehen wir gemeinsam auf den E8. Beide sind interessierte und gebildete Wanderer. Die Frau meines Kollegen ist sogar Biologielehrerin und kennt sich gut mit Pflanzen und Tieren aus. So nutze ich einige Gelegenheiten sie zu fragen, was gerade so am Wegesrand steht oder welcher Falter uns grade umflattert. Für mich vergeht die Zeit wie im Flug. Mal unterhalte ich mich mit ihr, mal mit ihm, mal haben wir ein Gespräch zu dritt. Nach 5 Kilometern müssen die beiden leider wieder umkehren, um zum Auto nach Tauberbischofsheim zu wandern. Schade! Wir verabreden uns, im Oberallgäu mal eine Wandertour oder einen Klammdurchstieg zu machen.

Ich überquere die Autobahn in östlicher Richtung und mache an einem Wetterkreuz Rast. Dort sitzt bereits ein seniores Ehepaar, die aus Dortmund nach Tauberbischofsheim gezogen sind. Wir kommen ins Gespräch und die Frau fragt mich relativ schnell und direkt nach den „Leistungsparamentern“ meiner Wanderung. Ich bin irritiert und frage ihren Gatten, ob seine Frau immer so neugierig sei. Er antwortet mir, sie sei nicht neugierig, sondern wissbegierig. Aha. Sie interviewt mich weiter und ich frage ihn, ob seine Frau immer so wissbegierig sei. Er lacht und schweigt dann. Endlich erklärt sich die Frau, was sie so an meiner Wanderung interessiert. Sie möchte selber mit dem Fahrrad von Tauberbischofsheim nach Köln fahren, aber sie traut sich noch nicht so recht, weil es ihr zu teuer erscheint. Aha! Ich mache den beiden Mut, was die Dauer und die Kosten einer solchen Unternehmung betrifft. Am Schluß gibt sie mir ihre Adresse. Wir haben einen Deal. Falls ich das Schwarze Meer erreiche, schreibe ich den beiden eine Postkarte, die sie dann in Ehren halten werden. Und das Paar wird mit dem Fahrrad nach Köln fahren und meinen Vater besuchen und ihm schöne Grüße ausrichten von mir. Das haben wir uns in die Hand versprochen.

Es geht weiter durch Felder, Wiesen und Waldstücke. Inzwischen ist es schon fast 18 Uhr. So spät war ich bisher noch nie ohne Quartier. Ich erreiche Oberlauda. Keine Unterkunft und keine Busverbindung heute, die mich vielleicht in eine nahegelegene Stadt bringen könnte. Ich muss zu Fuß weiter nach Lauda. Ich bin müde. Ich verlasse den E8 und laufe zuerst an einer Landstraße entlang, später durch einen Vorort. Lauda ist eine hübsche mittelalterliche Stadt, die hervorragend in Schuss ist. Ich komme an einer Eisdiele vorbei und hole mir einen Eisbecher. Die Besitzerin gibt mir Tipps, wo ich eine Unterkunft finden könnte. Am Schluß kriege ich noch einen Maxi-Bananen-Milchshake. Ich muss an der Theke stehen bleiben, weil sie noch dreimal nachschenkt.

Am Ende des Tages habe ich Glück und erwische das letzte freie Zimmer der Stadt. Der Wirt klärt mich auf, warum die Herbergen hier so gut ausgelastet sind. Diesmal sind es nicht die Touristen, sondern Mitarbeiter der Deutschen Bahn, die hier regelmässig übernachten und 90% der Übernachtungsgäste stellen. So konnte die Gastronomie in Lauda bisher gut die Coronakrise überstehen. Alles ist voll ausgebucht bis Ende des Jahres. Ich bin froh, dass ich noch etwas gefunden habe.

Im Taubertal: Wertheim – Reicholzheim – Kloster Bronnbach – Gamburg

Heute ist der fast 80-jährige Wirt wieder derjenige, der alles macht: Service – Empfang – Rezeption -Küche. Wie schon gestern Abend. Ein Gast fragt ihn, ob er alles allein machen muss. Er antwortet mit: „Nein, manchmal mache ich auch eine Pause.“ Später erzählt er mir, dass seine deutsch-brasilianische Ehefrau eine Woche vor dem Lockdown nach Brasilien gereist ist und nicht mehr zurückkommen darf. Seitdem macht er den Laden alleine.

Am Anfang laufe ich durch die Altstadt von Wertheim quer über den Marktplatz. Überall sind Andenken- und Kunst-Stände aufgebaut und es sind schon einige Touristen da, die in den verschiedenen Cafés ihr Frühstück einnehmen. Es geht hoch in Richtung Burg Wertheim. Die ursprüngliche Route des E8 kann ich nicht gehen, da auf dem Weg liegende Terassenbauten baufällig sind. Ich muss einen Umweg laufen, direkt an der Burgruine vorbei. Sobald ich Wertheim verlasse, bin ich wieder allein. Es geht steil den Berg hinauf durch den Wald. Als ich auf der Berghöhe angekommen bin, geht es auf einem Höhenweg weiter. Der Bergrücken ist schon fast wie ein Hochplateau, eben und breit. Ich komme durch Wiesen und Felder an einem Hof vorbei. Vor 12 Uhr steige ich in den Ort Reicholzheim an der Tauber ab. Hier kaufe ich mir eine Brotzeit. Danach geht es wieder hoch auf den Bergkamm. Es geht an einen Wald vorbei. Das Wetter ist sonnig, aber immer wieder kommt eine frische Brise auf. Der Wald ist abwechslungsreich und teilweise verwildert.

Der E8 führt an dem Kloster Bronnbach vorbei, einem ehemaligen Zisterzienserkloster, das jetzt für Schulungen und Seminaren genützt wird. Ich finde es gut, dass der E8 solche Sehenswürdigkeiten auf der Route berücksichtigt. In den Biergarten der Klosterschänke gehe ich nicht, fast alle Tische sind mit Radlern besetzt. Ich besichtige das Kloster. Es ist ein altes Kloster, das in der gotischen Zeit gebaut wurde, dann im Barock und Rokoko seine Ausgestaltung erlebte. Alles ist großzügig angelegt. Das Kalefaktorium gefällt mir. Die Wärmestube der Mönche ist jetzt ein Kaminzimmer, in dem verschiedene Sitzgelegenheiten, Couchtische und Sofen stehen. Ich setze mich auf einen der überraschend bequemen Sitzgelegenheiten. Es ist angenehm kühl und ich werde schläfrig. Ich schlafe ein. Später weckt mich eine Mitarbeiterin, die etwas aus dem Raum holt. Sie beruhigt mich und empfiehlt mir, mich nicht stören zu lassen.

Nach dem Kloster geht es wieder auf die Berghöhe in den Wald und ich erreiche am Ende des Nachmittages mein Tagesziel Gamburg an der Tauber. Ein sehr idyllischer Ort mit Gänsen, die den Rasen vom Fußballplatz kurz halten und Kindern, die im Fluß baden. Die Gänse rufen auch Nachts immer wieder, ansonsten ist alles ruhig.

Mein Blick aus dem Gästezimmer auf Gamburg und Burg Gamburg

Ich habe Glück und kriege im ersten Gästehaus „Haus Martin“ das gelbe Zimmer. Eigentlich war das Zimmer reserviert, wurde aber heute vormittag kurzfristig storniert wegen Corona. Die Wirtin bietet mir Kirschen an. Bald ist die Kirschenzeit in der Region vorbei. Immer wieder habe ich in den letzten Tagen von Kirschbäumen am Wegesrand genascht. Heute waren sie besonders süß und überreif. Ich freue mich über die angebotenen Süßkirschen und esse sie alle auf.

Ich tausche mich mit einem ehemaligen Kollegen aus. Wir verabreden uns morgen zum Mittagessen und planen dann mit seiner Frau gemeinsam ein Stück des Weges zu laufen. Ich bin schon gespannt, wie das gemeinsame Wandern wird.