Im Altmühltal: Gungolding – Böhming – Kipfendorf – Denkendorf

Heute ist ein guter Tag. Das Wetter ist schön und ich habe einen „guten Fuß“. Gungolding scheint sehr katholisch zu sein. Obwohl sehr klein, hat es zwei Kirchen. Die eine Kirche hätte ich fast nicht erkannt, weil sie aussieht wie ein Mehrfamilienhaus. Aber welches Mehrfamilienhaus hat schon einen eigenen Glockenturm? Ab dieser Kirche ist der Weg mit Stationen des Kreuzweges ausgestattet bis zu der anderen Kirche, die am oberen Ende des Dorfes beim Friedhof steht.

In Oberbayern finde ich bis jetzt keine E8 Wegmarkierungen mehr. Auch meine Kompass App zeigt den E8 nicht mehr an. Ich orientiere mich an den Plänen im Internet und merke mir den Weg. Dann sehe ich nach den lokalen Panoramawegen, die meistens zum europäischen Fernwanderweg parallel verlaufen. Schade, in Mittelfranken bin ich, was Wegmarkierungen betrifft, echt verwöhnt worden.

Nach dem Friedhof geht es von der Straße ab und rechts hoch auf die Gungoldinger Wacholderweide. Die Wacholderbeeren sind inzwischen reif. Ich probiere eine. Pfui, sie sind hart und schmecken zwar wacholderig, aber auch bitter. Vielleicht doch eher als Gewürz zu gebrauchen. Der Weg ist gut zu laufen und ich habe eine tolle Panoramansicht. Es stehen auch immer wieder Sitzbänke rum und laden zum Verweilen und Gucken ein.

Es geht wieder talabwärts durch den Ort Arnsberg und über die Altmühl. Arnsberg hat oben auf der Höhe eine Burg stehen. Dort ist ein Hotel. Das muss schon cool sein, dort mal zu übernachten und dann mit dem Blick auf Arnsberg den Tag zu beginnen. Es geht den Wanderweg steil hoch, glücklicherweise gut beschattet. Von oben habe ich eine tolle Aussicht. Sogar der Aufstieg fällt mir heute leicht. Obwohl es schon warm ist, schwitze ich sogar weniger.

Es geht wieder abwärts ins Tal. Ich komme durch den Ort Böhming. Irgendjemand hier im Dorf hat sein Poesiealbum auf die Straße verlegt. Immer wieder tauchen Tafeln mit positiv gestimmten Texten auf. Heute brauche ich diese Art von Unterstützung nicht. Es ist ein guter Tag. Ich mache Rast an der Altmühl, schaue auf den Fluß und denke an den alten Mann von gestern.

Es geht wieder auf die Höhe. Ich folge dem sogenannten Limesweg und tatsächlich nach einiger Zeit taucht ein rekonstruierter Limesturm auf. Und wen sehe ich dort? Keine kriegsmüden römischen Legionäre auf der Wacht am Limes, sondern zwei echte Wandersmänner, die es sich dort im Schatten gemütlich gemacht haben und ihre Blessuren verarzten.

Ich bin in Redelaune und gesellen mich zu ihnen. Anfangs schauen beide noch ein bisschen skeptisch, aber wir kommen schnell ins Gespräch. Beide wandern schon seit 20 Jahren gemeinsam. Die beiden sind gestern gestartet und biwaken im Freien. Sie haben dafür alles dabei, inclusive Verpflegung. Das macht sich am Gewicht der Rucksäcke bemerkbar, die bestimmt noch mal 10 kg schwerer sind als meiner. Sie haben sogar ein paar überraschende Dinge dabei: Aquarellfarben und -papier und eine tolle Fotoausrüstung mit Objektiven und Stativ. Der kleinere hätte gern den Kometen damit fotografiert. Dem einem schenke ich ein Blasenpflaster für seinen Fuß. Beide sind gut entspannt. Für sie ist es Luxus, im Wald zu biwaken, dort wo sie es schön finden und keiner für Geld hinkommen kann. Dort kochen sie sich dann etwas leckeres.

Wir machen gemeinsame Fotos am Turm. Natürlich kommt da auch das Stativ zum Einsatz. Die Fotos kriege ich dann noch später.

Als wir uns verabschieden, wünscht mir der kleine: „Viel Erfolg!“. Ich frage nach, was Erfolg denn bedeuten würde? Die Antwort lautet: „Heil anzukommen!“ und ich führe fort „und gesund wieder zurück zu kommen!“. Der große nickt versonnen und sagt: „Was Schönes erleben.“ Den beiden traue ich zu, dass sie „viel Erfolg“ bei ihren Wanderungen haben.

Am Limesturm

Ich wandere weiter und komme nach Kipfendorf. Ein letztes Mal überquere ich die Altmühl Richtung Osten. Kipfendorf ist ein kleiner Ort, aber hat eine tolle Infrastruktur. Neben einem Freibad (nein, diesmal bin ich nicht ins Wasser gesprungen), einer riesigen Metzgerei (in der ich mir etwas zu essen geholt habe) gibt es eine netten Marktplatz. Der Marktplatz wird heute fast ausschließlich für die Sitzplätze von einem Café genutzt, die ein tolles Eis und Kuchen haben. Es gibt auch ein Schloß und ein Römer- und Bajuwarenmuseum. Also ein Besuch in Kipfendorf lohnt sich auf jeden Fall.

Gut gestärkt, nehme ich den steilsten Anstieg des Tages in Angriff. Ich komme an dem Schloß Kipfenberg und dem Museum vorbei. Der Limesweg führt mich auch an den geographischen Mittelpunkt Bayerns vorbei. In Sonthofen war ich damals ziemlich weit von diesem Mittelpunkt entfernt gewesen.

Ich folge dem Limesweg zuerst durch den Wald und dann an Feldrändern und Wäldern vorbei nach Denkendorf. Dabei begegnet mir ein ungarisches Paar, die gemeinsam Sport machen. Sie joggt und er begleitet sie auf dem Fahrrad. Wir unterhalten uns und ich erzählen ihnen von meinem Vorhaben. Sie empfehlen nach ein bisschen Überlegen – anstatt nach Polen – nach Ungarn zu wandern und über das Donauknie nach Budapest. Die Putza nicht zu Fuß passieren und dann am Eisentor über Serbien nach Rumänien zu gehen. Das hört sich interessant an. Den Vorschlag werde ich mir überlegen.

Am Abend erreiche ich Denkendorf. Die A9 kann man gut hören. Ansonsten ist kaum jemand unterwegs. Heute fühle ich mich nicht müde und hätte gut weitergehen können. Aber es fängt an dunkel zu werden und ich beziehe Quartier.

Im Altmühltal: Eichstätt – Gungolding

Es ist schon beim Start in den Tag warm. Aus Eichstätt geht es erst einmal mit einem steilen Anstieg auf die Höhe. Einmal oben bin ich schon vollkommen nass geschwitzt. Ich komme an abgeernteten Getreidefeldern vorbei, in der Nähe von Eichstätt gibt es kaum schattenspendende Wälder. Ich komme mir ein bisschen wie ein Tramp im Mittleren Westen der USA vor. Die müssen sich ähnlich gefühlt haben: heiß und der Weg und Horizont haben kein Ende. Der Höhenwanderweg geht hier in einer weiten Schlaufe von der Altmühl weg, so dass ich auch keine interessanten Talblicke habe.

Gegen Mittag wird es bewölkter, aber es ist auch schwül geworden. Inzwischen bin ich auf Waldwegen unterwegs. Buchenwald wechselt sich mit Fichtenwald immer wieder ab. Die Wälder sind hier aufgeräumt und werden wahrscheinlich wirtschaftlich gemanagt.

Am frühen Nachmittag erkenne ich, dass die Wolkenwand immer dichter und dunkler wird. Ich fange an, mich zu beeilen. Ich möchte nicht schon wieder in ein Unwetter kommen. Gestern sind auch nicht alle Sachen richtig trocken geworden. Die Schuhe waren heute morgen innen immer noch feucht.

Auf dem Weg ist es ereignisarm und ich bin mal wieder in einem Funkloch. Ich muss aufpassen, dass ich keine Wegmarkierungen verpasse. Wenn ich einfach so dahin wandere, falle ich manchmal in eine Art Trancezustand. Ihr kennt das vielleicht, wenn ihr mit eurem Auto tagein, tagaus die gleiche Strecke fahren müsst. Ihr seid so automatisiert, dass ihr gar nicht mehr bewusst wahrnehmt, wie ihr eigentlich gefahren seid. Der Unterschied zu mir ist, dass ich die Strecke, die vor mir liegt, noch nie gegangen bin. Ein weiterer Unterschied ist, dass ich manchmal ins Tagträumen komme und dann nicht mehr richtig weiß, habe ich mir das jetzt eingebildet oder ist es wirklich passiert.

Sowas passiert mir heute wieder. Ich sehe, wie mir eine weiße Gestalt entgegenkommt. Beim Näherkommen stelle ich fest, dass es sich um eine junge Frau handelt, in einem weißen Kleid, mit hellem sommerlichen Hut mit breiter Krempe und einem leichten Schal, den sie um den Hals gewickelt hat. Beim Vorbeigehen schaut sie mich kurz an und lächelt. Ich bin irritiert: Einbildung oder Wirklichkeit? Ich drehe mich um, aber sie ist schon nicht mehr zu sehen.

Jetzt muss ich aber schleunigst weiter. Erste Tropfen Regen spüre ich schon. Die letzten Kilometer machen mir keinen Spaß, da ich versuche vor der Gewitterfront davon zu laufen.

Endlich erreiche ich meinen heutigen Zielort: Gungolding. Ich gehe wieder ruhiger, jetzt sind es vielleicht noch 500 Meter bis zum Gasthof. Ich komme an die Brücke über die Altmühl. Vor mir sehe ich einen alten Mann im Rollstuhl, der mühsam versucht die Steigung hochzukommen. Mit den Worten „darf ich schieben?“ nehme ich die Griffe in die Hände und schiebe ihn auf die Brücke. Er will nur bis zur Brückenmitte. Er bedankt sich bei mir und erklärt, dass von hier aus der Blick auf die Altmühl am schönsten sei und er das jeden Abend so machen würde. Befriedigt gehe ich weiter. Jetzt fühle ich mich gut.

Blick auf die Altmühl in Gungolding

Ich erreiche den Gasthof. Ich werde in oberbayrischer Mundart begrüßt. Ich habe heute die Sprachgrenze vom Fränkischen ins Oberbayrische überquert. Im Hintergrund höre ich das Gewitter. Heute erreicht es mich nicht und zieht einfach nur vorüber.

Im Altmühltal: Dollnstein – Eichstätt

Heute morgen regnet es. Deshalb breche ich erst am Vormittag bei bewölktem Himmel später als sonst auf. Auf dem Weg durch Dollnstein begegnet mir ein Damenquartett. Unser Weg hatte sich gestern schon zweimal gekreuzt. Wir grüßen uns kurz und schon ziehen sie leichtfüßig vor mir weg.

Auch am Sonntag ist reger Bootsbetrieb auf der Altmühl. Auch heute ist kein Platz für mich frei. Ich laufe durch die mittelalterliche Stadt durch das Peterstor raus. Rechts nach dem Tor geht es bald wieder auf den E8. Ein kurzer Anstieg und ich wandere auf halber Höhe die Altmühl entlang. Es ist ein schöner Weg. Heute sind auch mehr Menschen auf dem Wanderweg unterwegs als ich es bisher gewöhnt bin. Viele Spaziergänger, die einfach an ihrer sommerlichen Kleidung zu erkennen sind.

Um die Mittagszeit suche ich eine Sitzgelegenheit zum Rast machen. Und – welch eine Überraschung – hole das Damenquartett ein, die gerade ihre Pause auf einer Bank beenden. Sie überlassen mir großzügig die Sitzbank und ich kann bei einer schönen Aussicht meine Brotzeit essen.

Ich folge weiter den Weg bis Obereichstätt und passiere den Ort oberhalb. Dann geht es steil bergauf. Es geht ein Stück durch den Wald und ich komme ordentlich ins Schwitzen. Fast oben angekommen liegt ein Stück Wiese, auf der eine fast 30 Meter lange Sitzbank steht. Die Bank ist aus einem einzigen Baum gefertigt worden! Man hat den Stamm einfach halbiert und als Sitzbank mit Talblick aufgestellt. Absolut coronatauglich!

Auf der langen Bank sitzen …

Von dort aus geht es weiter auf eine breite Hochwiese. Mir fallen Modellflieger auf. Trotz des aufkommenden starken Windes schaffen es die Piloten am Boden ihre kleinen Flugzeuge sicher zu fliegen. Manchmal fliegen sie so nah an mir vorbei, dass ich mir ernsthaft überlege, was ich tun muss, falls mir einer doch zu nahe kommt.

Als ich die Männer erreiche, fangen diese auf einmal an ihre Flugzeuge zu landen und abzutransportieren. Sie machen mich auf eine Regenfront aufmerksam, die rasch näher kommt.

Und tatsächlich schon fängt es an zu tropfen. Ich ziehe mir sicherheitshalber meine Regenjacke über.

Ich komme an einem Steinbruch vorbei. Überall Kalksteinplatten. Es sieht aus wie ein riesiger Scherbenhaufen. Ich höre es Donnern. Nicht nur einmal, sondern es ist wie ein richtiges Donnerrauschen. Ich bin irritiert und gucke nach Blitzen. Doch ich kann keine sehen. Der Wind wird immer stärker. Ich bin irritiert, ist das vielleicht doch kein Donnern, sondern vielleicht ein Windgeräusch, das bei diesem Steinbruch entsteht.

Jetzt fängt es an immer stärker zu regnen. Nichts zum unterstellen, ich bin inzwischen auf einem freien Feld. Der Wind treibt den Regen fast horizontal über den Boden. Ich werde richtig durch und durch nass. Meine Schuhe laufen voll Wasser. Zwei, drei Autos fahren an mir vorbei. Die Modellflugzeugpiloten. Keiner kommt auf die Idee anzuhalten und mich mit zu nehmen. Ich fange an zu laufen, um in ein nahegelegenes Wäldchen zu kommen und mich unterzustellen. Dabei meide ich die hohen Bäume, da das Donnern kontinuierlich weitergegangen ist. Blitze kann ich immer noch nicht sehen. Ich muß an den ukrainischen Fußballspieler denken, der letzte Woche beim Einspielen vom Blitz getroffen wurde. Auf dem Video war auch kein Gewitter zu erkennen.

Schließlich hört es auf. Kurz darauf scheint die Sonne. Ich folge dem E8 und steige in das Tal hinunter. Schnell komme ich an menschliche Behausungen vorbei und überquere die Altmühl und laufe auf einem Fahrradweg wieder dem Fluß entlang. Dabei kann ich die imposante Willibaldsburg Eichstätt sehen. Willibald war einer der englischen Geschwister, deren Geschichte mir schon im Kloster Heidenheim begegnet war. Eichstätt war die erste Klostergründung von Willibald im 8. Jahrhundert gewesen. Die Burg kommt mir riesig vor.

Auf der ersten Bank setze ich mich und ziehe mir Schuhe und Socken aus. Ich leere das Wasser aus den Schuhen und wringe die Socken aus. Die Sonne ist wieder da und schon sind die Radler unterwegs, die mich neugierig anschauen beim Vorüberfahren. Die Socken werden leider nicht so schnell trocken, wie ich es mir gewünscht hätte. Ich beschließe, Schuhe und Socken wieder anzuziehen und möglichst schnell zu meiner Unterkunft zu kommen.

Ich komme unter einer Fußgängerbrücke durch. Und wen sehe ich auf der Fußgängerbrücke? Das Damenquartett, die ich weit vor mir gewähnt hatte. Wie hatte ich es geschafft, sie unbemerkt zu überholen? Die Frauen erkennen mich auch wieder und winken mir zu. Meine Tante in Bad Kreuznach würde jetzt sagen, dass ist kein Zufall mehr, das Universum schickt dir eine Nachricht. Wir unterhalten uns kurz und die Damen verraten mir, wo sie beabsichtigen heute Abend zu speisen: In der Brauereigastwirtschaft zur Trompete. Dann trennen sich wieder unsere Wege.

Ich erreiche meinen Gasthof und habe Glück, dass der Wirt auch gerade da ist, da sonst geschlossen wäre. Ein einfaches, aber günstiges Zimmer ist noch da. Auf dem Flur ist eine Dusche und ein WC. Für mich ist es gut genug. Ich beziehe das Zimmer, hänge meine Sachen zum Trocknen auf, mache mich frisch und dann ruhe ich mich aus. Die Naturdusche während des Unwetters war nicht so gut für meinen rechten Fuß, der immer stärker schmerzt.

Nach einer guten Stunde ziehe ich meinen letzten trocknen Sachen an und gehe von der Westenstraße in Richtung Ostenstraße. In der letzten Stunde hat es noch einmal gut geregnet und die Stadt dampft. Viele alte Gebäude, aber mit hübschen originellen Geschäften. Es gefällt mir, dass die Stadt voller Leben ist.

In der Ostenstraße ist die Brauereigaststätte zur Posaune gelegen. Just in dem Moment als ich vor dem Gasthaus ankomme, sehe ich das Damenquartett über die Straße gehen. Die Damen und ich haben den gleichen Biorhythmus, zumindestens was die Zeiten für die Nahrungsaufnahme betrifft. Ich muß lachen.

Im Gasthof bekomme ich ohne Reservierung keinen Tisch. Doch die vier Frauen nehmen mich großzügig auf und ich darf mit an ihren Tisch sitzen. Es sind drei Kusinen und eine Freundin, die schon öfters gemeinsam – auch längere Touren – gewandert sind, u.a. einen Teil des Jakobsweges in der Schweiz. Wir gehören zur selben Generation und unterhalten uns gut. Ich bin glücklich, mal wieder in Gesellschaft von netten und interessierten Menschen meinen Abend verbringen zu können. Heute meint es das Universum – trotz des Unwetters – gut mit mir.

Mit dem Damenquartett beim Abendessen

Ich mache morgen einen Pausentag in Eichstätt und werde mir die Stadt genauer anschauen und meine Anziehsachen wieder in Ordnung bringen.

Im Altmühltal: Solnhofen – Mörnsheim – Dollnstein

Ich frühstücke heute morgen in einer Café Bäckerei in der Altstadt von Solnhofen. Es herrscht bereits reger Betrieb und viele Tische sind von Tagesausflüglern besetzt, die sich hier sammeln. Die Bäckerei liefert gute Waren und ich kaufe mir gleich noch eine Brotzeit für unterwegs. Von meinem Tisch aus kann ich die sogenannte Sola-Basilika sehen und entscheide mich spontan diese zu besuchen.

Solnhofen ist ein Hot Spot der Geschichte! Das war mir persönlich gar nicht so bewusst. Es fängt schon mit der Geologie und Archäologie an. Hier gibt es sehr viel Kalkboden aus der Zeit als in diesem Teil der Erde ein Lagunenmeer war. Man hat hier u.a. eine Versteinerung des Archaeopteryx schon gefunden, als noch gar nicht klar war, dass das der Urvogel ist. Als nächstes während der christliche Missionierungsgeschichte in Deutschland. Die Basilika aus dem 8. Jahrhundert ist eines der ältesten christlichen Baudenkmäler in Deutschland. Bevor man zur Basilika einbiegt, sieht man die Statue eines Mannes stehen. Dieser hat den Lithographiedruck erfunden, der besonders gut mit Solnhofener Kalkplatten funktioniert. Und heute? Mein Freund aus Wachenheim hat mir heute geschrieben, dass er in seinem Eigenheim auch Kalkplatten aus Solnhofen genutzt hat. Und es gibt bestimmt noch mehr Dinge in Solnhofen, die ich heute noch nicht entdeckt habe. Dabei ist der Ort wirklich nicht groß.

Auf dem Weg zum E8 muß ich nach der Basilika die Altmühl wieder überqueren, dabei fällt mir ein Bootsverleih ins Auge. Mann, das wäre doch schön, die heutige Tour nach Dollnstein in einem Boot zu erleben. 3,5 Stunden bis Dollnstein verspricht ein Schild. Es soll heute sehr warm werden. Die Aussicht gemütlich auf dem kalten Wasser die Landschaft zu erleben, wirkt sehr verlockend auf mich. Ich gehe zum Bootsverleih und frage nach einer Möglichkeit, heute vormittag in einem Boot mitzufahren. Die Dame bedauert: Es ist Samstag und alles ist komplett ausgebucht. Es sind wirklich viele Boote an der Anlegestelle und ich insistiere. Doch keine Chance.

Ich wandere aus dem Tal raus auf die Höhe und komme auf einen Höhenweg an der Altmühl entlang. Hier ist das Tal relativ eng und es geht steil den Hang hinunter. Einige markante Felsformationen lockern das ganze auf. Vom Fluß her höre ich immer wieder Schreie und Juchzer. Ich kann die ersten Menschen sehen, die heute auf Booten die Altmühl herunterfahren. Mann, sind das viele! Es sieht aus wie eine lange Reihe von Booten. Manchmal fahren sogar drei oder vier Boote nebeneinander.

Heute geht es den ganzen Tag immer wieder runter ins Tal zur Altmühl und wieder rauf auf die Berghöhen. Runter an den Fluß heißt dann auch immer, es wird voll mit Menschen, die in Gasthäusern essen und trinken oder Radfahren oder Bootsfahrten unternehmen und dabei geräuschvoll sind. Rauf heißt, es wird menschenleer und ruhiger. Heute sind sogar mehr Spaziergänger unterwegs und ich treffe sogar so viele Wanderer wie in den ganzen fünf Wochen vorher zusammen nicht.

Auf dem Maxberg durchquere ich das Gelände der Firma, die seit über 150 Jahren die Solnfelder Kalksteinplatten erzeugt und in die ganze Welt exportiert. Mir gefällt das Label „in Litho Quality“. Ob mein Wachenheimer Freund seine Steine in Litho Quality gekauft hat? Ich glaube nicht, bestimmt werden diese einklassifizierten Steine nur für die Kunst- und Druckindustrie verwendet.

Nach dem Maxberg kommt Mörnsheim. Der Höhenweg kommt sehr nah an den Ort heran und man kann von oben alles gut und genau sehen. Und wieder einmal runter und dann gleich wieder rauf. Beim Raufgehen überholt mich ein Ehepaar, die mich heute schon eimal überholt hatte. Es ist ein wanderndes Ehepaar aus dem Siegerland, die mich auch wiedererkennen und die nächste halbe Stunde mit mir gemeinsam gehen. Sie fragen mich nach meiner Wanderung. Als er mich nach dem Gewicht des Rucksacks fragt, biete ich einen Rucksacktausch an, damit er das Gefühl selber erleben kann. Er lacht und wir tauschen die Rucksäcke. Sein Rucksack ist herrlich leicht, weil er nur für einen Tag Dinge schleppen muss. Es macht richtig Spaß mal wieder in Gesellschaft zu wandern und ohne Last geht das Wandern wie von selbst. Einen Träger zu haben ist schon eine feine Sache!

Wir unterhalten uns gut und nach einer halben Stunde wechseln wir wieder die Rucksäcke. Er lacht als er seinen eigenen Rucksack wieder trägt und sagt: „Der wiegt ja gar nichts!“. Dann verabschieden sich die beiden von mir als wir wieder im Tal sind.

Im Tal überquere ich auf einer Brücke die Altmühl und staune über die vielen Boote. Diesmal sind es Boote voller junger Männern mit entblößten Oberkörpern. Nach der Rötung der Haut zu schließen sind sie schon 2-3 Stunden auf dem Wasser. Durch mitgenommenes Bier bereits stark alkoholisiert. Und der Alkohol zeigt Wirkung, was ihre Risikoeinschätzung, Reaktionsvermögen und enthemmte Aggression anderen Booten gegenüber betrifft. Es passiert, was passieren muss: Ein Boot kentert! Ich hoffe, ihr könnt es auf dem Bild erkennen. Keine Sorge, es ist niemand zu schaden gekommen und die Abkühlung hat den Jungs bestimmt gut getan.

Es geht für mich heute ein letztes Mal auf die Höhe und ich wandere eine lange Flußschlaufe entlang. Es ist wirklich wunderschön hier oben und jedes Mal wenn ich Gekreische von der Altmühl höre, muss ich an das gekenterte Boot denken und an die Bootstour, die ich mal mit meinen Kindern und einer befreundeten Familie auf der Lahn unternommen hatte. Mein jüngster Sohn und ich waren auch gekentert. Alles – auch unser Gepäck – war damals total nass geworden. Der andere Familienvater hat dann immer gelästert: „Und habt ihr auch den charakteristischen Ruf des gemeinen Lahnreihers gehört?“. Gemeint hatte er damit, wenn ich den Namen meines jüngsten Sohnes brüllte, damit er ja sitzen bleibt und das Boot nicht wieder zum Kentern bringt.

Kurz vor 18 Uhr komme ich nach Dollnstein. Alle Gasthäuser sind ausgebucht mit Bootsfahrern, sogar die Essensplätze sind vergeben. Ich bekomme noch etwas Warmes zu essen, weil ich vor 18 Uhr angerufen habe.

Als ich heute ein letztes Mal die Altmühl überquere ist es schön ruhig (siehe Beitragsbild) Die Bootsverleihfirmen haben bereits alle Boote eingesammelt und aufgeladen und fahren sie wieder nach Solnhofen, damit auch morgen wieder möglichst viele Menschen die Altmühl auf dem Wasser erleben können.

Im Altmühltal: Treuchtlingen – Pappenheim – Solnhofen

Bevor es losgeht, versorge ich mich beim Lidl mit Getränken für unterwegs. 1 Liter Biomilch trinke ich gleich, vielleicht hilft ja das gegen Heuschnupfen.

Zuerst geht es am Biergarten vorbei auf eine Fußgängerbrücke über die Altmühl. Dann folge ich der Altmühl flußabwärts auf der linken Seite. Nach dem ersten kleinen Dorf auf der Route geht es hoch auf den Talrand und durch einen Buchenwald. Zur Mittagszeit komme ich in Pappenheim an.

Ich finde einen fränkischen Gasthof mit einer einfachen Karte, aber alles mit frischen und guten Produkten aus der Region. Es schmeckt mir. Auf einmal höre ich eine Tuba „I did it my Way“ spielen. Die Kellnerin, die auch Tochter des Hauses ist, klärt mich auf: Auf dem naheliegenden Friedhof findet gerade eine Beerdigung statt und wir können das Blasinstrument gut hören. Es folgen noch die Stücke „What a wonderful world“ und „Von wunderbaren Mächten gut geborgen“. Alles Stücke, die mir auch gut gefallen. Ich würde noch „When I’m gone“ dazu nehmen. Ein bisschen skurril finden es die anderen Gäste, es sich bei Begräbnismusik schmecken zu lassen.

Pappenheim ist ein kleines hübsches Städtchen mit Burgruine, einem historischen Stadtkern und einem Freibad, das ich natürlich besuche.

Da heute kein „Megawedder“ ist, wie die Kellnerin meinte, ist das Freibad nicht voll. Das Bad ist überschaubar groß und hat viele Einrichtungen, wie eine Rutsche, 50-Meter-Bahn oder Beachvolleyballfelder. Ich schwimme ein paar Bahnen.

Auf einmal höre ich wie ein Sänger singt. Live. Andere Mitschwimmer machen mich auf eine Hochzeit aufmerksam, die gleich neben dem Freibad stattfindet. Die Hochzeit findet in der „Weidenkirche“ statt. Den Namen der Kirche kann man wörtlich nehmen, denn die Kirche ist aus Weiden konstruiert und zwar lebenden. Ich kann vom Freibad einen Teil der Zeremonie mitverfolgen. Die Kirche ist wie gemacht für Corona-Zeiten und schönem Wetter. Die Weiden werden jedes Jahr einmal runtergeschnitten und wachsen dann hoch. Ende August sollen sie dann bis zur Spitze hochgewachsen sein.

Mir gefällt es in dem Freibad. Ich werde auch immer wieder Zuschauer von kleinen Szenen: Eine dicke Mutter ist ganz eifrig dabei, dass all ihre Kleinen die Seepferdchenprüfung ablegen. Zuerst wird geübt und dann der Bademeister für die offizielle Prüfung geholt. Ein kleines – vielleicht vierjähriges – Mädchen sagt frech zum Bademeister, dass er ja nur die ganze Zeit rumstehen würde, wofür er eigentlich da sei. Darauf wird der Bademeister offiziell und fragt: „Wer sorgt dafür, dass der Rasen gemäht ist? Wer sorgt dafür, dass die Büsche geschnitten sind? Wer sorgt dafür, dass das Wasser immer sauber ist? Wer?“ und schaut ihr dabei fest in die Augen. Die Kleine antwortet: „Das macht alles der liebe Herrgott!“ Ich muss laut lachen, als ich das höre. Der Bademeister schaut mich streng an und ich habe einen potentiellen Freund weniger im Leben.

Am Abend wandere ich weiter. Es geht wieder auf den Talkamm und ich komme durch eine Wacholderheide. Das Gras wird von Schafen beweidet und zwischendrin stehen immer wieder Wacholderbüsche. Die Sonne scheint jetzt angenehm warm und die steilen Weiden erinnern mich an die Almen in den Alpen. Es riecht sogar ähnlich.

Auf dem Weg treffe ich ein junges Pärchen, die auch eine mehrtägige Wandertour machen. Die ersten seit dem Berliner vor 13 Tagen Sie haben alles für ein Übernachten im Freien dabei. Sie wollen ihre Biwak-Ausrüstung testen und dann auf ihren geplanten Irlandurlaub nutzen. Für die beiden bin ich auch der erste Wanderer, dem sie begegnet sind.

Gegen 19:30 komme ich in Solnhofen an, wo ich eine kleine Ferienwohnung für die Nacht finde.

Im Naturpark Altmühltal: Heidenheim – auf dem Hahnenkamm – Treuchtlingen

In Heidenheim scheint mich fast jeder zu kennen. Dem Kellner von der Klosterschänke komme ich bekannt vor. Es stellt sich heraus, dass er Chef des Service im Café Mengin, Erlangen war. Ein Café, dass ich während meiner Erlanger Zeit manchmal besucht habe. Dem Geschäftsführer der Klosterschänke komme ich auch bekannt vor. Er war zuerst von Beruf Küchenmeister und hat dann das Metier gewechselt und ist Unternehmensberater für IT in der Optimierung von Produktionsanlagen geworden. Immerhin 30 Jahre lang, jetzt kümmert er sich als Geschäftsführer um Kloster und Klosterschänke. Mein Fünf-Minuten-Ei hat er heute gekocht. Aber nein, obwohl in beiden Fällen Gemeinsamkeiten zu Tage treten, kann es nicht sein, dass wir uns kennen. Aber als ich beim Frühstück sitze, kommt wirklich jemand, der mich kennt. Der Senior des Friseursalons Pfluff in Heidenheim. Er kommt extra rein, um sich von mir zu verabschieden und mir zu sagen, wie ich am besten auf den E8 komme. Meister Pfluff habe ich gestern kennengelernt. Er ist passionierter Wanderer und war jahrelang, derjenige der das lokale Wegenetz gepflegt hat u.a. die Wegmarkierungen für den E8. Am Schluß ruft er mich noch zu: „Einen guten Fuß!“

Mir gefällt Heidenheim. Vor allen Dingen gefällt mir, dass mich viele Leute schon zu kennen scheinen. Ich komme mir vor wie ein C-Promi, das hat schon was. Ich kriege nämlich immer mal wieder was geschenkt: z.B. ein Klosterbier, eine Orangenlimo, ein Flasche Kräuterlikör und ein Freiticket in das Klostermuseum.

Ich wandere aus dem Ort heraus und habe einen kleine Anstieg vor mir auf den Bergrücken namens Hahnenkamm. Es ist sonnig, aber noch früh genug, so daß es noch nicht so heiß ist. Auf dem Weg bin ich schnell wieder alleine. Die Landschaft ist nicht so spektakulär, die Wegmarkierungen reichlich vorhanden und gut gepflegt, so daß ich beim Wandern ins Nachdenken komme. Einen Gedanken möchte ich mit euch teilen:

Das Kloster in Heidenheim wurde im 8. Jahrhundert von drei englischen Geschwistern gegründet und geleitet. Alle drei waren Pilger gewesen, die damals von England aus nach Rom gepilgert sind. Der älteste hat dann sogar noch Pälästina und Konstantinopel besucht. Also für die damalige Zeit lange und gefährliche Reisen. Im Klostermuseum gibt es deshalb zu Pilgerreisen sogar eine eigene Station, die ich mir gestern angeschaut hatte.

Pilger kommt von dem lateinischen Wort Peregrinus = Fremder, was dann auch später ein Begriff im Römischen Recht wurde. Ich werde von den Menschen auf meinem Weg immer wieder für einen Pilger gehalten und so gesehen geht es mir auch wie einem Pilger: Als Gäste und Fremde sind Pilger aus ihrem gewohnten Umfeld herausgenommen. Mir begegnen Menschen, denen ich fremd bin, die noch keine Vorerfahrungen mit mir haben. Sie gehen anders auf mich zu, weil sie mit mir auf der einen Seite keine Vorgeschichte haben, auf der anderen Seite sich vollkommen auf ihre Stereotypen oder Vorurteile verlassen und diese (oder ihre eigenen Wünsche und Interessen) dann auf mich projizieren. Auch das wechselseitige Gefühl, dass diese Begegnung einmalig sein wird, führt dann schnell dazu, dass die Gespräche tiefergehen und mehr als nur Blabla und Smalltalk werden. Teilweise erzählen mir die Menschen sehr private Dinge. Ich habe ein Mal die Aussage gelesen: „und im Fremden erkenne ich mich selbst“. Das befremdet und irritiert oft– und genau das ist aber eine Chance, aus eingefahrenen Denkmustern oder -gewohnheiten herausgelockt zu werden. Für mich ganz aktuell, die Menschen halten mich für einen religiös motivierten Pilger, dem man auf der einen Seite unterstützt mit Naturalien und Ratschlägen und auf der anderen Seite sich spirituell öffnet oft mit dem Gedanken verknüpft, ob man sich selber auf so eine lange Reise begeben möchte oder nicht.

Denkmal der Walburga

Beim Nachdenken, habe ich dann wirklich eine Wegmarkierung übersehen und bin in die falsche Richtung gelaufen. Ich mache einen insgesamt fünf Kilometer langen Umweg bis ich wieder auf dem E8 zurück bin. Das nervt mich ein wenig, weil ich heute nicht so viel laufen will. Der Umweg ist leider auch nicht sehenswert. Ich lande schließlicb in einem kleinen Seitental zur Altmühl, das sich dann auch als längstes Funkloch auf meiner bisherigen Reise entpuppt.

Am Abend komme ich in Treuchtlingen an. Ich finde Quartier in einem umgebauten Gestüt, das jetzt ein Hotel Garni ist. Garni heißt, es gibt nur Frühstück. In einem Biergarten an der Altmühl bekomme ich etwas zu essen. Es ist ein schöner Sommerabend.

An der Altmühl

Vom Hesselberg in das Altmühltal: Hesselberg – Wassertrübingen – Heidenheim

Heute morgen steige ich vom Bildungszentrum direkt auf den höchsten Punkt des Hesselberges (689 Meter N.N.). Es gibt dort sogar ein Gipfelkreuz und Gipfelbuch, in das ich mich eintrage. Die Aussicht ist wirklich phänomenal. Sie geht rundum, also eine 360 Grad Ansicht des Vorlandes und der benachbarten fränkischen Alb. Ich bin begeistert. Die Alpen kann ich nicht sehen, dazu ist das Wetter im Alpenbereich zu diesig und bewölkt. Es lohnt sich trotzdem auf dem Gipfel zu sein. Vom Gipfelkreuz aus überquere ich eine große Wiese, fühle mich wie auf einer Almwiese in den Alpen und habe begleitend den Panoramablick nach allen Seiten. Liebe Leser, falls es euch mal in das ländliche Mittelfranken verschlagen sollte, besucht diesen Berg!

Von da ab geht es zuerst durch den Wald und dann über die Felder nach Wassertrübingen. Hier hole ich mir etwas zu trinken und zu essen. Der Ort selber gefällt mir nicht. Auf dem Weg sehe ich eine Fabrik von Schwarzkopf. Tatsächlich werden hier viele Haarpflegeprodukte hergestellt. Eine Straße ist sogar nach Martha Schwarzkopf benannt worden.

Nach der Stadt marschiere ich wieder durch den Wald, der mal licht und dann wieder sehr eng und dicht ist. Manchmal kommen dazwischen Felder. Einmal führt der Wanderpfad durch ein mehr als mannshohes Maisfeld, was mir das Gefühl eines amerikanischen Farmers gibt.

Wanderweg durch ein Maisfeld

Den ganzen Nachmittag lang komme ich an keiner menschlichen Behausung vorbei.

Drei Kilometer vor meinem Tagesziel lichtet sich der Wald und ich wandere über Wiesen und Feldern. Auf einmal sehe ich sieben Rotmilane. So viele dieser Vögel auf einmal habe ich noch nie gesehen. Ich phantasiere und stelle mir vor, dass sich zwei Milanfamilien treffen, um ihren Jungvögel -nach getaner Arbeit – das Rumfliegen beizubringen. Manche der Vögel kann ich von Nahem sehen.

Kurz bevor ich nach Heidenheim reinkomme, begegne ich einer Frau beim Nordic Walking. Wir kommen ins Gespräch und sie wird mein Sherpa für den Rest meines heutigen Weges. Sie führt mich direkt zum frisch renovierten Kloster in Heidenheim. In der Klosterschänke werde ich schon erwartet. Mein Sherpa ist keine gebürtige Fränkin, sondern kommt ursprünglich aus Wilhelmshafen und ist über den Umweg Köln in das Altmühltal gekommen, hat ihren Ehemann kennengelernt und lebt jetzt seit 16 Jahren in diesem idyllischen Ort.

Sherpa in Heidenheim

In der Klosterschänke werde ich schon erwartet und herzlich begrüßt. Eigentlich ist heute Ruhetag. Ich habe heute morgen angerufen und mir ein Zimmer reserviert. Auch mit der Empfangsdame komme ich gut ins Gespräch. Auch sie ist keine Einheimische, sondern kommt ursprünglich aus Sachsen und ist wegen ihrem Ehemann in Heidenheim geblieben.

Ich dusche mich und ziehe mir ein paar leichte Sachen an. Ich höre nebenan, dass die Pizzeria geöffnet hat. Ich gehe ziemlich ungelenk und wie auf rohen Eiern rüber und bestelle mir mein Lieblingsgericht. Die Bedienung ist sehr nett, duzt mich gleich und ich komme mit ihr gut ins Gespräch. Das hört sich jetzt schon ein bisschen bekannt an, gell? Auch sie ist nicht von hier, sondern kommt ursprünglich aus Thüringen. Auch sie hat hier einen Mann kennengelernt und lebt seitdem in Heidenheim. Heidenheim hat anscheinend einen Männerüberschuß, der sehr attraktiv auf auswärtige Frauen wirkt.

Echt originale Einheimische habe ich heute nicht kennengelernt. Aber vielleicht wird das morgen noch. In Heidenheim scheint die Welt in Ordnung zu sein und ich beschließe morgen einen Pausentag einzulegen.

Von der Romantischen Straße ins Vorland der südlichen Frankenalb: Dinkelsbühl – Obermichelbach – Hesselberg

Heute morgen durchquere ich Dinkelsbühls Altstadt und sehe überall Aktivitäten wegen der Kinderzeche in Coronazeiten. Ein Teil der Altstadt ist abgesperrt und man kommt nur mit vorreservierten Karten rein. Es findet ein Gottesdienst statt und viele Dinkelsbühler Erwachsene und Kinder kommen in Tracht zusammen. Schade, dass ich nicht mit dabei sein darf. Ich sehe überall Familien in Tracht, die in Richtung Altstadt laufen. Ich nehme mir vor, nächstes Jahr die Kinderzeche mit meinen Kindern zu besuchen. Vielleicht kaufe ich meinen Kindern auch Trachten, so wie die holländische Familie in Rothenburg. Ich freue mich schon auf das Gesicht meines Jüngsten, der das bestimmt voll uncool finden wird.

Ich verlasse die mittelalterliche Stadt und kann auf dem Wassergraben eine Entenfamilie beobachten. Ein wenig später sehe ich sogar einen Eisvogel. Auch der neue Teil der Stadt, den ich durchlaufe, ist sehr ansehnlich. In der 12.000 Einwohner Stadt ist anscheinend die Lebensqualität hoch.

Sobald ich die Häuser hinter mir habe, ist es schlagartig ruhig. Ich komme durch einen Buchenwald und staune. Mitten im Wald wird der Weg beidseitig von hohen und bestimmt 90-jährigen Buchen eingerahmt. Es wirkt wie eine Allee. Ich bin fasziniert von dieser Idee, im Wald eine Allee mit Bäumen zu gestalten und das vor ca. 100 Jahren! Die Erschaffer haben ihr Werk – so wie ich es heute sehe – nie selber erleben können.

Buchenallee bei Dinkelsbühl

Im Wald treffe ich einen Rentner, der auf einer Bank sitzt. Er wechselt seine Brille, als er mich nahen sieht. Er möchte mich genau sehen und bietet mir die Bank an. Ich verzichte und wir kommen ins Gespräch. Er kommt ursprünglich aus dem Münsterland und dem Ruhrgebiet und ist vor 24 Jahren nach Dinkelsbühl gekommen und geblieben. Schnell will er meine Leistung abfragen, wieviel Kilometer, wohin, wielange schon, etc. Ich lache und drehe den Spieß um und lasse ihn schätzen. Er kann anfangs richtig gut schätzen. Die Länge meines bisherigen Weges: 450 km. Als er mein Tagespensum mit 70 bis 80 Kilometer einschätzt, muss ich laut lachen. Es kommt raus, dass er das früher anscheinend geschafft hatte. Auch 300 Kilometer am Tag mit dem Fahrrad hatte er geschafft. Da war er schon am Limit, wie er gesteht. Ich denke mir still, kein Wunder, dass er irgendwann auch einen Herzinfarkt bekommen hatte. Seit seinem Infarkt macht er regelmässig am Vormittag einen Spaziergang durch den Wald und am Nachmittag dreht er eine Runde mit seinem e-Bike.

Ich muss leider den Wald verlassen. Heute ist es drückend warm und ich habe nur Landstraße vor mir und das kilometerlang. Ich habe nichts zu Trinken dabei und hoffe in Obermichelsbach etwas kaufen zu können.

In dem Ort werde ich von in Deutschland seltenen Tieren begrüßt: Alpakas! Eine Frau in Mittelfranken züchtet Alpakas, verkauft deren Wolle und macht Alpakaführungen. Alleine in diesem Dorf sehe ich fast 30 Tiere. Insgesamt hat sie anscheinend schon Hunderte, die an verschiedenen Standorten weiden. Die Alpakas sehen richtig süß aus, am Anfang halte ich sie noch für Jungtiere. Aber inzwischen denke ich, dass das nur so wirkte, weil sie frisch geschoren wurde. Vielleicht ist das eine Idee für meinen Ex-Schwager, seine Schafe gegen Alpakas einzutauschen.

Obermichelsbach wirkt sehr dörflich, hat aber 2 Gasthöfe. Einer hat am Montag sogar offen und ich bekomme meine Johannisbeersaftschorle. Für mich alleine will die Wirtin aber nichts kochen.

Es geht weiter, und schon wieder Landstraße. Ich mag die endlosen Landstraßen in der Sonne nicht. Immer wenn Bäume Schatten spenden, werde ich langsamer. Östlich von Dinkelsbühl im Vorland der südlichen Frankenalb ist es merklich flacher geworden und die Waldstücke verschwinden fast ganz. Mein Tagesziel der Hesselberg ist die ganze Zeit gut sichtbar vor mir. Der Hesselberg ist ca. 600 Meter hoch und ein Solitär in dieser Gegend. In der Gaststätte hat man mir erzählt, dass man von dort aus an einem klaren Tag die Alpen sehen kann. Heute jedenfalls nicht, aber vielleicht habe ich morgen früh ja Glück.

Der Anstieg auf den Hesselberg ist heute die letzte Anstrengung des Tages. Die letzten Kilometer des E8 laufen parallel zu einem geologischen Pfad. Der Berg bietet sich an, die verschiedenen Gesteinsschichten der letzten 12 Millionen Jahre zu veranschaulichen.

Heute habe ich eine besondere Unterkunft: Das evangelische Bildungszentrum Hesselberg. Für mich hat die Leitung netterweise eine Ausnahme gemacht und ich darf als Einzelgast übernachten. Die Einrichtung liegt sehr schön und man hat eine tolle Aussicht. Ich habe ein einfaches Zimmer mit Dusche und Bad, das reicht mir voll. Kein Fernseher, aber W-Lan. Passt, wie sie in Franken sagen. Um 18 Uhr bekomme ich sogar – zusammen mit einer Gruppe aus Bundespolizei und der Evangelische Seelsorge – ein warmes Abendessen. Ich werde separiert und eine Hälfte des Speisesaals ist nur für mich. Ich bin der einzige der vom Personal mit Namen angesprochen wird. Wie der Hesselberg im Vorland der Frankenalb bin ich heute auch ein Solitär der Coronazeiten im evangelischen Bildungszentrum.

Evangelisches Bildungszentrum Hesselberg

In der Hohenlohe: Großenhub – Wildenstein – Lautenbach – Dinkelsbühl

Meine Wirtin erzählt mir heute morgen, dass der Schwäbische Albverein vor ein, zwei Jahren die Wegmarkierungen erneuert hat. Offensichtlich haben sie dabei die Wegführung des E8 an den Jagststeig angepasst. Meine digitale Karten von dem Kompassverlag zeigt immer wieder einen ganz anderen Weg an. Ich orientiere mich nur noch an den Wegmarkierungen des Albvereins und checke nur noch manchmal mit der App, wo ich bin. Das klappt ganz gut.

Von Großenhub geht es direkt über die Felder. Heute morgen scheint die Sonne und es ist kein Wölkchen am Himmel. Es geht durch ein Dorf hinauf in den Wald. Am Morgen finde ich den Wald immer am besten. Es ist kühl, alles riecht frisch und es sind noch keine Mücken unterwegs.

Das nächste große Hindernis ist die Autobahn A7, die ich auf einer Brücke überquere. Ich bin schon oft die A7 hier entlang gefahren auf dem Weg ins Oberallgäu. Heute ist der Verkehr dicht. Es ist Ferienzeit. Von der Brücke geht es aufwärts nach Wildenstein. Als ich das Zentrum der Gemeinde erreiche, fangen die Glocken an lang zu läuten. Heute wird in Wildenstein Konfirmation gefeiert. Später im Jahr als üblich und im Freien. Ich verfolge für 10 Minuten den Beginn des Gottesdienstes. Immerhin sechs Konfirmanden in dem kleinen Ort und alle festlich angezogen. Ich muss an meinen Jüngsten denken, dessen Konfirmation bisher auf unbestimmt verschoben wurde.

Nach Wildenstein geht es wieder in den Wald. Hier soll es laut einem Schild einen Zauberwald geben. Im Wald sind verschiedene Holzfiguren in der Form von Zwergen und Elfen aufgestellt. Der Zauber im Wald ist für mich etwas anderes.

In Lautenbach gibt es einen kleinen See. Die Kellnerin im Restaurant erzählt, dass man auch darin baden kann, danach müsste man sich aber duschen, so schlammig ist das Gewässer. Daraufhin kann ich mir verkneifen, mich sofort in das Wasser zu stürzen. Das Restaurant bietet nicht nur eine überschaubare Speisekarte an, sondern eine mindestens genauso lange Cocktailkarte. Und das bereits zur Mittagszeit. Die anderen Gäste sind alle von auswärts aus den verschiedensten Teilen Deutschlands und mit den Autos angereist.

Ich wandere weiter. Inzwischen ist es warm geworden und ich muss relativ häufig über Asphalt und Teer laufen. Der Belag ist inzwischen richtig warm geworden und ich spüre wie die warme Luft aufsteigt und mich grillt.

Kurz vor Dinkelsbühl geht es hoch auf eine Kuppe in das Dorf Segringen. Hier würde ich gerne in einem Gasthof unterkommen, den mein Bruder mir empfohlen hat. In dem Gasthof geht es geschäftig zu, es wird gerade eine Konfirmation gefeiert. Leider ist kein Zimmer mehr frei.

Direkt neben dem Gasthof ist ein Friedhof. Hier mache ich Rast. Interessant finde ich die einheitliche Gestaltung der Grabkreuze. Es erinnert mich an einen Soldatenfriedhof. Auf den Kreuzen stehen die letzten Berufe der Verstorbenen und wie alt sie in Jahren, Monaten und Tagen geworden sind. Es steht z.B. „Altsitzer“ oder „Altsitzerin“ auf den Kreuzen. Oder „Rentner“, „Bürokauffrau“ oder „Hausfrau“. Je nachdem wie alt der Mensch geworden ist, die letzte Station im Leben. Ich überlege, was auf meinem Grabkreuz stehen würde: „Privatier“, „Badmintontrainer“, „Gruppendynamiktrainier“, „Freiberufler coronabedingt ohne Arbeit“ oder „Wandernder Vater, der bloggt“? Haben die Verstorbenen selber entschieden, was auf den Kreuz geschrieben steht oder haben das dann die Hinterbliebenen beschlossen? Was würden meine Kinder in dem letzteren Fall schreiben lassen? Ein Glück, dass ich mit meinen Kindern schon vor meiner Wanderung gesprochen habe, wie ich mir aktuell meine Trauerfeier vorstelle und darin kommt kein Grabkreuz vor.

Von Segringen geht es weiter ins nahegelegene Dinkelsbühl mal wieder auf der Suche nach einer Unterkunft. Auch der zweite Tip meines Bruders schlägt leider fehl. Alles belegt. Dinkelsbühl ist heute voll mit Touristen. Nicht nur aus ganz Deutschland, sondern auch aus Europa. Ich kann Franzosen, Holländer, Italiener, Polen und auch Spanier ausmachen. In Dinkelsbühl ist noch viel mit Auto erreichbar, so dass ich viele Touristen mit ihren Fahrzeugen sehen kann. Radfahrer gibt es hier viel seltener.

Schließlich komme ich in einem Romantikhotel unter. Es kommt sogar noch besser. Die nette Dame am Empfang trägt mich für das hauseigne Schwimmbad und die Sauna ein für den Zeitraum von 20 bis 21 Uhr. Vor Corona bin ich zum letzten Mal in der Sauna gewesen. Ich freue mich schon jetzt auf Bad und Sauna.

Vorher gehe ich noch ein wenig in die Altstadt von Dinkelsbühl. Mir fällt die Metzgerei Mießmeier auf. Dort stehen 4 Tische zusammen, an denen mit 10-15 Personen und lauter Musik gefeiert wird. Stundenlang und unermüdlich. Brauchen die Menschen so sehr diese Ventile, um mit dem heutigen Druck der Leistungsgesellschaft umgehen zu können? Ist das der wahre Sinn von Ischgl, Mallorca, Ibiza, den Parties auf dem Opernplatz in Frankfurt oder dem Münchner Oktoberfest? Ein-, zweimal im Jahr oder im Monat richtig die Sau rauslassen und dann auf der Arbeit wieder Leistung zeigen? Die Feiernden jedenfalls machen weiter und singen lauthals jedes Lied mit. Mein Vater würde sagen, sie „schreien“, da die Musikalität eher zweitrangig dabei ist.

Später erfahre ich von einer Angestellten des Gasthofes, dass in Dinkelsbühl normalerweise in dieser Woche die Kinderzeche gefeiert wird. Die Kinderzeche in Dinkelsbühl ist ein Kinder- und Heimatfest. Der Sage nach sollen Dinkelsbühler Kinder im Dreißigjährigen Krieg die Stadt vor den Schweden gerettet haben. Seit 2016 befindet sich das Fest auf der Liste des Immateriellen Kulturerbes in Deutschland. Dieses Jahr musste das Fest abgesagt werden. Die tapfer feiernden Menschen in der Metzgerei sind also das Coronaüberbleibsel dieses Volksfestes. Schade, das große Fest hätte ich gerne mitgefeiert.

Um 20 Uhr gehe ich in die Sauna. Ich bin alleine – mal wieder. Aber so kann ich ohne Textilien schwimmen und saunieren. Ich fühle mich nach Wochen wieder porentief rein. Das letzte Mal habe ich mich so sauber nach der Badewanne in Bad Mergentheim gefühlt. Meine Gymnastik mache ich auch seit langem und merke, dass sich die Beweglichkeit meiner Achillessehne verändert hat. Vielleicht sollte ich mein morgendliches Dehnungsprogramm um etwas für die Waden und Achillessehne erweitern.

In der Hohenlohe: Crailsheim – Jagststeig – Großhub

Heute morgen spüre ich, dass ich gestern lange unterwegs war. Meine Muskeln sind steif und ich fühle mich ungelenk, als ich loswandere. Ich laufe durch Crailsheim in nördlicher Richtung auf die Höhe. Gleich am Beginn des Weges kommt ein netter kleiner Aussichtsturm mit Blick auf Crailsheim und dem Wunschschild alles hier ordentlich wieder zu verlassen. Auf der anderen Seite des Turms sehe ich die Hinterlassenschaften einer gelungenen Party mit Blick auf Crailsheim. Der Platz ist zum Partymachen wie geschaffen. Der dabei entstandene Abfall hat es bis zur nahegelegenen Mülltonne wunschgemäß leider nicht mehr ganz geschafft.

Direkt im Anschluß kommt ein kleiner Vogel- und Tierpark. Eintritt für eine kleine Spende. Bis auf zwei Müttern und ihren Kleinkindern ist noch niemand zu Besuch. Cool finde ich die freilaufenden Pfaue. Mehrere Familien sind in diesem Park. Die Küken sind schon richtige Jungvögel und die Hähne haben es nicht mehr nötig, ihre Räder zu schlagen, da die Arbeit für diese Saison ja schon geleistet wurde.

Nach dem Park geht es auf einen beschatteten Höhenweg mit tollem Panorama auf Crailsheim. Der E8 läuft parallel zum Jagststeig. Die Crailsheimer Bürger haben den Weg zusätzlich aufgepeppt. Zuerst kommt als Zusatz ein Waldlehrpfad, der die verschiedenen Baumarten erklärt und zeigt. Dann kommt ein Sportpfad, der wie ein erweiterter und modernisierter Trimm-Dich-Pfad auf mich wirkt. Und als drittes ein toller Waldspielplatz, an dem ich Rast mache. Die Hohenloher haben wirklich das Tiptop-Land. Vom Aussichtsturm bis zum Waldspielplatz ein tolles Naherholungsgebiet für die Bürger. Wirklich beneidenswert!

Der Jagststeig führt auf die über 500 Meter hohe Schönebürg. Fast wäre ich dran vorbeigelaufen, da alles zugewachsen ist. Heute befindet sich auf der Schönebürg ein Denkmal für König Karl von Württemberg und einige Mammutbäume. Mammutbäume? Tatsächlich stehen zwei Mammutbäume auf dem Gipfel. Der eine ist allerdings schon abgebrochen. Besagter König hat anscheinend während seiner Zeit im 19. Jahrhundert, Mammutbäume aus Nordamerika eingeführt und hier gepflanzt in der Hoffnung, dass das auch mal solche Riesen werden. So drauf aufmerksam geworden, finde ich später tatsächlich immer wieder Mammutbäume in den anliegenden Wäldern.

Mammutbaum in der Hohenlohe

Es geht jetzt mehr oder weniger auf Waldpfaden durch den Wald. Leider stimmt meine Karte mit den E8 Wegmarkierungen nicht immer überein. Aber ich finde mich durch bis zum Ort Mistlauf. Durch den Ort hindurch, der seinem Namen Ehre macht und sehr stark nach Rindviechern riecht. Nach dem Ort links hoch in den Wald. Dort finde ich die ersten Waldhimbeeren. Sie sind klein, aber schmecken dafür sehr intensiv. Immer wieder sehe ich Eichelhäher, die alle im Wald mit ihren lauten Schreien warnen, dass ich jetzt gewandert komme.

Inzwischen ist es heiß geworden. Ich nähere mich meinem Tagesziel, den Ort Großhub. Dafür muss ich noch einen Hang hochsteigen, aber der Ort erschließt sich mir erst nach und nach. Erst sehe ich nur eine Kirchturmspitze (siehe Beitragsbild), dann die Kirche. dann einzelne Häuser und schließlich das ganze Dorf. Hier finde ich in einem Gasthof Unterkunft.

Nachdem ich mich frisch gemacht und ein bisschen erholt habe, gehe ich in den Gastraum, um etwas Warmes zum Essen zu bestellen. Der Gasthof wird gerne von Einheimischen genutzt. Einige Männer spielen Karten auf der Veranda.

Heute wird hier auch der 80. Geburtstag von Karl gefeiert. Seine ganze Familie und Verwandten sind gekommen. Beim Essen komme ich in den Genuss der Darbietung eines Lobgedichtes auf das Geburtstagskind. Immerhin 23 Verse gereimter hohenlohscher Dichtkunst unterstützt von einem Tusch mit einer Kistentrommel am Ende jeden Verses. Den Reim mit „Immer gibst Du uns Geld, dafür bist Du unser Held!“ in fränkischer Betonung werde ich so schnell in seiner Direktheit nicht vergessen. Anschließend wird gemeinsam auf „Opa“ Happy Birthday gesungen, einige singen auf „Karl“. Ob Karl sich über die Darbietungen freut, kann ich leider nicht erkennen. Um nichts zu verpassen, bestelle ich sogar noch einen Nachtisch. Als schließlich der Gedichtvorträger ankündigt, dass man schon für den 90. Geburtstag proben würde, guckt Karl ein wenig erschrocken.