Im Bayrischen Wald: Passau – Krellberg

Im Bayrischen Wald: Passau – Krellberg

Heute morgen geht es wieder los nach der gestrigen Pause. Passau und die Flüsse liegen im Nebel. Ich verabschiede mich von der schwarzen Ilz. Es geht anfangs ersteinmal wieder bergauf. Der E8 ist nur an der Ilzbrücke ausgeschildert, ansonsten fehlt jedwede Markierung. Ich orientiere mich am Goldsteig und folge dessen Markierungen. Es geht an einer Kirche vorbei und bald bin ich auf einem gut ausgebauten Waldweg. Von da aus über Felder zu einem Ort, wo ich mich im lokalen Supermarkt mit Lebensmittel versorge. Dann geht es wieder in den Wald. Immer weiter folge ich dem Goldsteig.

In Zieglreuth wird das Gefälle noch mal steiler. Entsprechend langsamer werde ich. Ich komme an einem Garten vorbei, aus dem Schlagermusik ertönt. Ein älterer Mann steht am Zaun und mustert mich eindringlich. Ich schaue ihn auch an und sage: „Grüß Gott!“. Er grüßt zurück und ruft mir zu: „Sie sehen gut aus! Der Bart ist schön und der Hut auch. Sie sehen aus wie aus Südfrankreich!“ Ich muss lachen und erkläre ihm, dass ich aus Deutschland sei. Auf einmal fängt der Mann an zu erzähle:. Er ist vor einigen Monaten schwer im Garten gestürzt und hat sich dabei schwere Verletzungen zugezogen. U.a. dass auch ein Gesichtsnerv davon betroffen war und dass das Monate dauert bis alles heilen würden. Jetzt darf er nicht mehr Auto fahren und muss bei seinen Gartenarbeiten aufpassen. Unvermittelt wechselt er das Thema, alle im Dorf würden ihn für den bösen Mann halten, weil er die Katzen der Nachbarn aus seinem Garten vertreiben würde. Als Entschuldigung führt er an, dass Katzen nie zuhause ihr Geschäft verrichten würden, sondern dafür seinen Garten benutzen. Er hat dafür eine Extraschaufel und Besen, damit sammelt er den Katzenkot ein und wirft ihn bei den Nachbarn in den Garten. Aber er liebt alle Tiere, versichert er mir.

Plötzlich sehe ich wie zwei Wanderer auf dem Weg von oben kommen. Zwei Weitwanderer. Ich unterbreche das Gespräch mit dem alten Mann und tausche mich kurz mit den beiden aus. Sie sind seit zwölf Tagen unterwegs und laufen heute noch bis Passau und beenden dann ihre Tour. Sie haben ähnliche Erfahrungen mit anderen Wanderern gemacht wie ich und sind dem Goldsteig der tschechischen Grenzen entlang gefolgt. Dann verabschieden wir uns. 

Ich drehe mich nach dem alten Mann um, der ist aber nicht mehr zu sehen. Ich gehe ein paar Schritte weiter und auf einmal taucht er wieder auf und hält eine Art Holzwurzel in der einen Hand. „Das ist der Teufel!“ sagt er mir und schaut mich intensiv an. Ich kann nicht widerstehen und fotografiere ihn so. Dann verabschieden wir uns freundlich von einander. Ich komme ins Grübeln, wie stark der Sturz ihn vielleicht auch mental beeinflusst haben könnte.

Nach Zieglreuth geht es wieder durch den Wald bis ich eine Landstraße mit separatem Fahrradweg erreiche. Die Wegmarkierungen des Goldsteigs sind gut zu erkennen. Ich habe wieder Netzempfang und überprüfe, inwieweit ich noch auf dem E8 bin. Mist! Er liegt um ca. 500 Meter daneben und ich bin an einer Stelle, wo der Goldsteig eine andere Route nimmt. 

Ich improvisiere und wandere nach Kellberg. Kellberg liegt auf der Spitze des Berges und ist ein Kurort. Nach einigen Versuchen finde ich einen Gasthof für die Nacht. Der Gasthof ist überraschend geschmackvoll eingerichtet. Der Innenarchitekt hatte ein gutes Gefühl für Proportionen und Farben. Ich fühle mich in meinem Zimmer wohl. Auch der Biergarten ist sehr hübsch. In den Fluren hängen Bilder der jungen Tochter des Hauses auf verschiedenen Urlauben und unterschiedlichen Situationen. Gut gemacht. Da hat ein guter Fotograf (oder Fotografin) sein Motiv gefunden. Alle Bilder sind gerahmt und mit Passepartout. Mein alter WG Kumpel, der selber professionell fotografiert hat und eine Galerie für einige Jahre sein eigen nannte, hätte sich gefreut.

Am Abend gehe ich eine Runde durch das Dorf. Der Gasthof liegt neben der Kirche und gegenüber einem kleinen Museum, das die alte Dorfschmiede zeigt. Das Museum ist offen und ich lerne, dass damals Schmied, Wagner und Gasthof eine Art Aufgabenteilung hatte: wenn z.B. ein Bauer sein Wagen zum Reparieren brachte, dann machte der Schmied das entsprechende Eisenstück, der Wagner baute es ein und im besten Fall wartete der Kunde im Gasthof darauf, dass alles fertig wurde.

Morgen möchte ich den E8 bis zur österreichischen Grenze wandern.

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